Sprachpflege



Die Rubrik SPRACHPFLEGE ist unserem Gegenwartsdeutsch gewidmet. Im Visier haben wir Spracherscheinungen, die bemerkenswert sind oder auffällig, die uns amüsieren oder ärgern, die wir für nahezu unerträglich oder für besonders pfiffig halten.
Die Belege werden vorwiegend regionalen Medien, Veröffentlichungen, Werbetexten und anderen schriftlichen oder mündlichen Äußerungen entnommen.

Gern nehmen wir auch Ihre »Sprach-Fundstücke« entgegen (bitte möglichst mit Quellenangabe).
Adresse: info.literatur@gmx.de





»Corona« - siehe Pressebeitrag »Corona liebt den Bindestrich«

(Vogtlandanzeiger vom 22.8.2020)

 
Thema
 
Inhalt
 

(1) Verbindungen nach dem Muster »Corona-Substantiv«











Seit einigen Monaten breitet sich das Wort CORONA in den Medien und in der allgemeinen Kommunikation unaufhaltsam aus. Laut Duden abgeleitet von Korona (griech., lat.: Kranz, Krone; in Kunstwissenschaft: Heiligenschein; in Astronomie: Strahlenkranz um die Sonne), bezeichnet Corona umgangssprachlich eine Viruserkrankung.
Substantive unterschiedlichster Bedeutung (vorwiegend Abstrakta) lassen sich fast uneingeschränkt mit Corona verbinden - ein Zeichen für die Anpassungsfähigkeit unseres Wortschatzes. Siehe über 150 Beispiele, notiert von Juni bis Ende August 2020:

 

CORONA - ...

-Abstandsregeln, -Abstinenz, -Alarm, -Ambulanz, -Ampel, -Ansteckungsgefahr, -Antikörper,-Antikörpertests, -App, -Appell, -Auflagen, -Ausbrüche, -Ausgaben;
-Bedingungen, -Beschluss, -Beschränkungen, -Bestimmungen, -Betten, -Bilanz, -Bonus, -Brennpunkt, -Bußgelder;
-Comeback, -Comeback, -Crash;
-Daten, -Demo, -Demonstration, -Diktatur, -Drama;
-Einbrüche, -Eindämmung, -Einschränkungen, -Ensemble, -Erscheinungen, -Experiment;
-Falle, -Fälle, -Fallzahlen, -Fehlinformationen, -Festnahmen, -Folge, -Forscher, -Forschung;
-Gästelisten, -Gefahr, -Gegner, -Gerüchte, -Grenzwert, -Gruppe;
-Helden, -Hilfe, -Hilfspaket, -Hilfsprogramm, -Hotline, -Hotspot, -Hygieneregeln;
-Impfung, -Impfstoff, -Infektionen, -Infektionsketten, -Infektionswelle, -Infektionszahlen, -Infizierte; -Jahr;
-Kanzlerin, -Kinderbonus, -Kontaktdaten, -Kontrollen, -Konzert, -Krise, -Krisentreffen, -Kritiker, -Kundgebung;
-Lage, -Land, -Leugner, -Lockdown, -Lockerungen;
-Masken, -Massenausbruch, -Maßnahmen, -Mehrfachinfektion, -Monate, -Motto;
-Nachverfolgung, -Nebenwirkungen, -Neuinfektionen, -Notbremse, -Notfallregelung;
-Ordnungskräfte;
-Pandemie, -Panne, -Party, -Patient, -Patriotismus, -Pause, -Pflichttest, -Plan, -Politik, -Pressekonferenz, -Proteste;
-Quarantäne;
-Regeln, -Reisewarnung, -Risiko, Risikogebiet;
-Schnelltest, -Schock, -Schutz, -Schutzmasken, -Schutzmaßnahmen, -Schutzverordnung, -Schutzvorschriften, -Schwerpunkt, -Sicherheitsmaßnahmen, -Situation, -Sommer, -Sorgen, -Stationen, -Statistiken, -Stau, -Stillstand, -Strategiewechsel, -Studie, -Sünden, -Sünder, -Symptom;
-Tester, -Testpanne, -Testpflicht, -Tests, -Teststation, -Testung, -Testzentren, -Ticker, -Tod, -Topf, -Tote, -Träger;
-Ungewissheit, -Urlaubsärger;
-Verlauf, -Verordnung, -Verschwörungstheorien, -Virus, -Vorsicht;
-Warn-App, -Warnwert, -Welle, -Wirrwarr, -Wörter, -Wunderheilmittel, -Wut;
-Zahlen, -Zeit, -Zwangspause

Viele der verzeichneten Substantive wurden im Singular und im Plural registriert. Vor allem einsilbige, aber auch mehrsilbige Substantive werden nicht selten ohne Bindestrich (-) mit Corona verknüpft (Coronatest, Coronavirus, Coronademonstration). Coronaverbindungen mit zwei Substantiven werden mit und auch ohne Bindestrich geschrieben (Corona-Impfstoff-Forschung; Coronavirusträger). Auffällig ist, dass außer coronaabhängig und coronabedingt attributive Bildungen, wie coronagetestet, coronainfiziert, coronageimpft, coronageheilt, coronageschützt, in den Medientexten kaum oder (noch) nicht nachweisbar sind.
Die Wortzusammensetzungen mit Corona verweisen in Kurzform auf Umstände und Vorgänge im Zusammenhang mit dem Krankheitsverlauf.



 

(2) Anmerkungen zur Sachbezogenheit von Namensgebungen im Vogtlandkreis




Kurzformen wie Überschriften, Titel, Namen, gern als Werbebotschaften verwendet, sollen Kaufinteresse wecken oder Publikum in Kultur-, Gast- und Sportstätten locken. Werden dafür allenthalben aus der Fülle sprachlicher Mittel die sachdienlich effektvollen genutzt? Angesichts folgender Beispiele sind Zweifel angebracht.

 

(1) Im Vogtland gibt es mehrere Arenen, zwei davon in Auerbach: Die »SchlossArena«, eine günstig in Zentrumsnähe gelegene Mehrzweckhalle, und die »Arena zur Vogtlandweide«.

Diese haben Fußballenthusiasten auf- und ausgebaut. Eine Kleinstadtmannschaft behauptet sich seit Jahren in diesem Stadion außergewöhnlich erfolgreich gegen traditionelle Großstadtvereine mit Höchstligaerfahrungen.
Der Name für das Stadion wurde erst kürzlich vergeben.
Medien informierten mit folgendem oder mit ähnlichem Wortlaut:

In Auerbach wird jetzt auf der »Vogtlandweide« gekickt. Das Dudenlexikon definiert:
»Weide« - grasbewachsenes Stück Land, auf dem das Vieh weiden kann.

(2)Die »Sparkasse Vogtland Arena« in Klingenthal ist keine Spielstätte für Provinzamateurfußball, was vom Namen her nicht auszuschließen wäre.

Nein, diese »Arena« ist dem Skisport vorbehalten, ist Austragungsstätte für hochkarätige internationale Wettbewerbe, ist eine der modernsten Sprungschanzen der Welt.

»Na sowas!«, sagte ein Tourist. »So eine Perle verbirgt sich hinter diesem Sportstättennamen!«
Dank gebührt natürlich allen Geldgebern, aber nicht jeder Gönnername gereicht dem damit Benannten zum Vorteil. Auch andere Benennungen erweisen sich als fragwürdig.

(3) So beispielsweise das als »Illusorium« bezeichnete Kabinett für Illustrationskunst im Museum auf Schloss Voigtsberg in Oelsnitz/V.

Wer die Ausstellung besucht, um sich »Illusionen« hinzugeben, findet eine Vielzahl künstlerisch hochwertiger, kreativer »Illustrationen« vor (Dudenlexikon: Bildbeigaben zu einem Text).

Der Benennung »Illusorium«, abgeleitet von »Illusion«, gebührt der Sonder-Status »sonderbar«.
Denn laut Dudenlexikon ist die »Illusion« eine beschönigende Selbsttäuschung über einen in Wirklichkeit weniger positiven Sachverhalt.

(4) Eine ehemalige Eisdiele in Auerbach/V. wurde wiedereröffnet, trägt jetzt einen neuen Namen: »Eis Dealer«.

Der dem Speiseeis zugeneigte Wortklauber (Dudenlexikon: »Wortklauberei« - kleinliches Festhalten an der wortwörtlichen Bedeutung) hat wegen Corona-Abstinenz noch nicht testen können, ob die beim »Eis Dealer« angebotenen kühlen Köstlichkeiten geschmackvoll sind und eventuell sogar euphorische (Hitze)Gefühle auslösen.
Aber vermutlich ist der Name doch nur Schall und Rauch. (Duden: »Dealer« - Rauschgifthändler)

Diese vier Beispiele sind Belege dafür, dass bei Namensfindungen semantische Aspekte (Bedeutungselemente sprachlicher Zeichen) nicht ausreichend berücksichtigt werden. Das führt dazu, dass die Namensgebung beim Adressaten nicht den erwünschten Effekt hervorruft.

(1) Das Wort »Weide« im Zusammenhang mit einem Fußballstadion ist eine »Steilvorlage« für Anspielungen, Spöttelei, Verhöhnung.
(2) »Sparkasse Vogtland² mit den Wortbedeutungsmerkmalen »fürsorglich«, »wertsichernd«, »-steigernd«, »regional verankert« ist eine angemessene Bezeichnung für ein im Vogtland ansässiges Geldinstitut. In Verbindung mit dem undefinierten Begriff »Arena« (Sportplatz, Wettkampfstätte, Zirkusmanege) entsteht ein Name, der keinen Hinweis auf den Skisport, auf Beschaffenheit und Bedeutung der Anlage enthält und sich als überregional werbewirksames »Aushängeschild« nicht eignet.

(3) Die Wortschöpfung »Illusorium« verfehlt den Sachbezug, führt zu Irritationen und ständigem Erklärungszwang.

(4) Der (umgangssprachliche) »Deal« wird empfunden als Geschäft an den Grenzen der Rechtschaffenheit oder Legalität, die von einem »Dealer« nach landläufiger Ansicht überschritten werden. Dieses Wort als Werbebestandteil kann die Meinungsbildung über die Seriosität eines Unternehmens beeinflussen, potentielle Kunden fernhalten.
Dr. Frieder Spitzner




 

(3) Eine Frage zu einer Zeitungsüberschrift

 

Eine Zeitungsmeldung aus dem Oberen Vogtland trug die Überschrift:
»Hurra! Es gibt Körbe!«
Was wird da eigentlich bejubelt? Wenn Sie das wissen, schreiben Sie es uns bitte.
Adresse: info.literatur@gmx.de




Pressebeitrag anlässlich des Tages der deutschen Sprache am 13. September 2014

(Veröffentlicht im Vogtland-Anzeiger am 16.9.2014 unter der Überschrift »Mehr Aufmerksamkeit - hat unsere Sprache das nötig?«)

1998 wurde der »Tag der deutschen Sprache« ins Leben gerufen, um der Sprache mehr Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Hat das die Sprache nötig?
Ja, leider. Weil es zu viele selbstgefällige »Größen« gibt, denen es völlig reicht, sprechen zu können. Was sie natürlich auch tun, sogar lautstark, wenn es ihnen in den Kram passt. Dennoch zählen sie Sprache zu den vernachlässigbaren Größen, wenn sie das Wort »Größe« im Zusammenhang mit schriftlichen oder mündlichen »Sprachprodukten« überhaupt in den Mund nehmen. Herablassend reagieren sie auf Sprachenthusiasten, die sich ihrer Meinung nach mit einem »Tag der deutschen Sprache« nur wichtig zu machen versuchen. Wichtig seien doch Faktoren von lebensnotwendiger Bedeutung. Wie die Energiegewinnung, die Schweinemast, die Abfallentsorgung und, ganz klar, der Fußball. Dieser Argumentation muss man selbstverständlich beipflichten - aber nicht, ohne ein despektierliches Gegenargument vorzubringen. Denn wir haben staunend erlebt, dass Sprachliches, beispielsweise ein Sprechgesang der Extraklasse, heutzutage karrieremäßig genauso förderlich ist wie Weltraumheldentaten oder weltmeisterliche Fußballakrobatik. Den Nachweis zu liefern ist ein Leichtes:

Im Vogtland gibt es drei deutschlandweit bekannte, lebende Persönlichkeiten. Sigmund Jähn, Stefanie Hertel, Regina Zindler. Der hohe Bekanntheitsgrad dieser Mitbürger resultiert aus außergewöhnlichen Leistungen. Sigmund Jähn flog als erster Deutscher in den Kosmos. Dafür musste er jahrelang Strapazen aller Art auf sich nehmen, ein hohes Risiko für Leib und Leben eingehen, und er konnte sich des erfolgreichen Ausganges seiner Mission nicht sicher sein.
Stefanie Hertel tourt seit Jahrzehnten singend, tanzend, plaudernd zum Vergnügen ihrer Fans durchs Land.
Aber für einen echten Medienkracher sorgte kurz vor der Jahrtausendwende Regina Zindler. Und womit? Mit einem einzigen gesungenen Wort! Wenn dieses Wort erklingt, horchen sofort alle auf. Der Nutzer des Wortes hat umgehend die Aufmerksamkeit, die sich Lehrer in Klassenzimmern, Professoren in Hörsälen, Politiker bei Wahlkampfauftritten nur wünschen können. Sobald das Wort die Ohrmuscheln erreicht, verändern sich die Gesichtszüge. Einige wenige Mienen verziehen sich missbilligend. Bei den meisten Normalos aber zeigen sich blitzschnell die Lachfalten. Und das Erstaunlichste: Jeder beginnt sofort - als gebe es nichts Wichtigeres unter der Sonne - über Sprachliches zu reden, also über Hochdeutsch und Dialekt, Mundart und Heimatverbundenheit, Walter Ulbricht und die Schwaben. Und das seit über fünfzehn Jahren!

Das zeigt doch deutlich, was wirklich den Status des Großartigen genießt: nicht die überall aufgestellten Grundstückssicherungsgroßserienerzeugnisse mit der markigen Bezeichnung »Maschendrahtzaun«. Dafür interessiert sich niemand. Der Sprechakt dagegen, bei dem der Zaun als dreiteilige Wortzusammensetzung, wellentonartig geformt, den Lippen entweicht, überwältigt und erhitzt die Gemüter.

Bemerkenswert, faszinierend, mitunter erschreckend, zuweilen großartig, was Sprache auslösen und bewirken kann: Medienrummel, Fangetümmel, Gelächter, Hohn und Spott, Diskriminierung. Dem will natürlich niemand mit unbedarften Auftritten Vorschub leisten. Weil man aber nicht so recht weiß, wo die Sprache ihre Stolpersteine ausgelegt hat, wird vorsichtshalber die Sprachbremse getreten. Deshalb lautete die Devise im sächsischen Landtagswahlkampf: selbst den Mund nicht zu voll nehmen, dafür die Münder der Wählerschaft stopfen. Also wurden Versprechungen und sonstiges Blabla reduziert und stattdessen wortarme Bilder aufgehängt und Kekse sowie andere Leckereien verabreicht. Spektakulär sind solche Offerten nicht, aber gehaltvoller als manche Wortgefechte. Und wer erst einmal auf einem Abgeordnetensessel thront, muss sowieso nicht mehr mit rhetorischem Rüstzeug glänzen.

Inzwischen sind die Laternenpfähle entrümpelt und die Naschereien verdrückt. Und Sprachliches - fischt es uns noch an? Schwer zu sagen, ob es wichtig genommen wird. Ob wichtig oder nicht, nützlich ist Sprache. Und sogar pfiffig nutzbar wegen unerschöpflicher und raffinierter Verwendungsmöglichkeiten. Selbst solche Wörtchen wie »an« strotzen vor imponierender Einsatzvielfalt. Schauen wir uns das an: Wer »baggert«, der arbeitet redlich, aber wer »anbaggert«, der benimmt sich unschicklich oder kommt gut an als flotter Typ. Immer mehr Mutige gesellen sich zu den »Anmachern«, die im Wechsel der Jahreszeiten im See »anbaden«, am Sandstrand »anbeachen« und im Gebirge »anwintern«. Das »Anmachen« gewinnt zunehmend an Bedeutung, manch eine Ansprache dagegen rührt niemanden an. Das ist halt so, wenn Sprachbildung nicht angefordert wird, Rhetorikkurse nicht in Anspruch genommen werden. »Sprachler« müssten deshalb, wenn das Ansporn wäre, am Tag der deutschen Sprache »anheulen«. Und darüber hinaus müssten sie immer wieder anfangen aufzuheulen, wenn Schwätzer Aufmerksamkeit beanspruchen und Sprüche klopfen wie:
Für Großes braucht man keine großen Worte.

(Dr. Frieder Spitzner)





Der folgende Text ist ein Beitrag zum »Tag der deutschen Sprache«, an dem jährlich am zweiten Sonnabend im September auf Sprachliches aufmerksam gemacht wird. Veröffentlicht wurde der Text (ohne die letzten drei Sätze) am 14.09.2013 im Vogtland-Anzeiger unter der Überschrift »Die Frauenquote in der Sprache«.

 

 

Vor reichlich 15 Jahren wurde der »Verein Deutsche Sprache« gegründet. Das Anliegen des inzwischen auf über 36000 Mitglieder angewachsenen Sprachvereins besteht darin, die Vielfalt, Ausdruckskraft und Schönheit der deutschen Sprache zu wahren. Deshalb nimmt er Spracherscheinungen der Gegenwart unter die Lupe, deckt Mängel auf, versucht aufzuklären. Seit Vereinsgründung wird vor allem der Missbrauch von Anglizismen angeprangert. Selbstverständlich setzen sich die Sprachfreunde auch mit anderen Auffälligkeiten im Sprachgebrauch auseinander. Der heutige Tag der deutschen Sprache sei zum Anlass genommen, merkwürdige sprachliche Emanzipationsbemühungen aufs Korn zu nehmen.

Natürlich, es zieht uns an, das Weibliche, wie zu Goethes Zeit. Aber im Gegensatz zu den Faustgestalten des 19. Jahrhunderts treiben wir unsere Mädels nicht zur Verzweiflung. Im Gegenteil, heutzutage tragen wir ihnen an, mit uns zu marschieren, und sie dürfen sogar vorangehen. Das ist ein Fortschritt, der unser Menschenbild prägt, erst recht seit der Findung einer neuen Maßeinheit: die Frauenquote. Die muss natürlich auch in der Sprache vorangetrieben werden. Zugegeben, die Einhaltung eines ausgewogenen Verhältnisses von männlichen und weiblichen Anteilen im Sprachgebrauch fällt schwer, selbst im privaten Bereich. Ich muss gestehen, dass mir der Kaffee (maskulin) lieber ist und deshalb öfter Erwähnung findet als die Brühe (feminin). Und der perlende Sekt reizt meine Geschmacksknospen stärker als die blass-träge Milch. Eine Sprachquotenregelung, deretwegen meine Getränkezufuhr auf den Prüfstand müsste, hätte verheerende Auswirkungen auf meine Stimmungslage.

Anders verhält es sich auf einem anderen Sektor. Es ist nicht zu leugnen, dass der Zug nur rollt, wenn die Lok ihn zieht. Dieser weibliche Arbeitsanteil bei der Bewegung nach vorn ist mutmaßlich symptomatisch für die neue Rolle der Geschlechter beim angestrebten Aufbruch in unergründliche Regionen. Dem weiblichen Element im Verkehr gehört der Vorzug. Deshalb steige ich künftig nicht in den Zug, sondern in die Bahn ein und genieße die Zugfahrt.
 

 

 

Seit Angela Merkels Kanzlerschaft (die!) ist das Wort »Kanzlerin« in aller Munde. Für nahezu jeden Beruf, Geschäftsbereich und Qualitätshinweis gibt es inzwischen eine weibliche Komponente. Selbst der Kanzlerbonus wird der gegenwärtigen und darüber hinaus allen künftigen Regierungschefinnen nicht zugemutet. Der Duden gönnt ihnen den Kanzlerinnenbonus. Überhaupt ergänzt der Rechtschreibaufklärer männliche Wortformen mit dem weiblichen Pendant präzise und akribisch. Dem »Kanzleramtsminister« werden, durch Komma getrennt, die gleichen 19 Buchstaben an die Seite gerückt und zusätzlich mit »in« versehen. So wird jedem deutlich, dass ein Amtsschimmel auch weiblich wiehern kann. Bemerkenswert ist, dass immer der Mann zuerst verbucht wird. Denn der Duden reitet bei der Wortlistung uralte Prinzipien. Er schert sich dabei nicht um die Begegnung der Geschlechter auf gleicher Höhe. Vergebens sucht man neben dem Kanzler die Kanzlerin. Sie taucht erst erniedrigende vier Zeilen unter ihm auf (25. Auflage). Dafür aber dominiert die mit zwei Buchstaben zugefütterte feminine Variante breitenmäßig. Dank der Wortverbreiterung verdickt der Duden und nimmt an Gewicht zu. Zunehmend belastet er die Rat Suchenden und wird sich dennoch weiter vervollkommnen. Denn während es die Sittlichkeitsverbrecherin und die Unholdin bereits ins Nachschlagewerk geschafft haben, warten der böse Geist, der Wüstling und der Sündenbock aufs gleichberechtigte weibliche Gegenstück.

Wenn männliches Führungspersonal schlapp macht, droht »Bezeichnungstransvestierung« zugunsten des Weiblichen. Vorreiterrolle spielt die Universität Leipzig. Die Uni liquidiert den männlich schlaffen Titel »Professor« und beruft künftig auch den Herrn Gelehrten zur »Professorin». Ob der so Titulierte bei der Ausübung von Betreuertätigkeit vom akademischen Nachwuchs bald als »Doktorvaterin« oder als »Doktormutter» betitelt wird, war nicht in Erfahrung zu bringen. Manche (meist Männer) bezeichnen eine solche Sprachneuerung als Unsinn (der!). Doch der Männlich-plus-in-Verfahrensweg zur Herstellung völliger Gleichheit hat Perspektive. Er garantiert Wortzuwachs und für die Zukunft: Einsparpotential. Wenn nämlich alles Männliche mit »in« versehen ist und totale Gleichheit herrscht, dann kann »in« ohne Bedeutungseinbußen bedenkenlos eingespart werden. Der Duden wird wieder ansehnlich schlank, bleibt Ratgeber und muss nicht die Wandlung zur Ratgeberin befürchten. Außerdem verlieren die im Zeichen der Jungfrau geborenen Männer die Angst, entmannt zu werden, und die Februar-Frauen bleiben Wassermänner. Und die emanzipierten Männlein und Weiblein reiben sich wieder anderweitig (auf).
Dr. Frieder Spitzner