Literaturpanorama
(von Prof. Dr. sc. R. Bernhardt)



      Vorbemerkung



Unser Verein engagiert sich vorrangig für Regionalliteratur. Dennoch haben wir landesweites geistig-kulturelles Leben im Blick. Davon zeugt der vorliegende Menüpunkt »Literaturpanorama«.
Unter diesem Titel wird auf literaturbezogene überregionale Ereignisse, auf Gedenktage und Ehrungen, Buchlesungen und -präsentationen, auf wichtige Autoren der Gegenwart und Vergangenheit hingewiesen.

Für die Auswahl des Inhaltes und die Erarbeitung der Beiträge wurde der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. sc. Rüdiger Bernhardt gewonnen. Er informiert und kommentiert, antwortet auch auf Leserfragen und reagiert, sofern sachdienlich, auf Meinungsäußerungen.
Meinungen und Fragen sind zu richten an die E-Mail-Adresse www.info.literatur.de .





      Literaturpanorama Nr.3 vom 15. Juli 2021



Liebe Leserinnen, liebe Leser,
es erscheint die 3. Ausgabe des Literaturpanoramas. Wieder gab es einige Anmerkungen von Lesern zur 2. Ausgabe, die von Eindrücken berichteten und Fragen hatten. Mit dem heutigen Angebot sollen erneut Aufmerksamkeit für Neuerscheinungen, Jubiläen und für überraschende Marginalien geschaffen und Interessen geweckt werden.
Wir bemühen uns gemeinsam, vogtländische literarische Neuigkeiten einzubeziehen. Sie sind heute auf Anregung von Thorald Meisel, Journalist der Freien Presse und Vorstandsmitglied unserer Vogtländischen Literaturgesellschaft Julius Mosen, in das Literaturpanorama Nr. 3 aufgenommen worden.
Für Anregungen und Meinungen, Fragen und Hinweise sind wir immer offen.

Im Folgenden werden Bemerkungen und Notate mitgeteilt zu Hermann Kant, Marcel Proust, Dagmar Nick, Manfred Zill sowie ein vogtländischer Dialekt in einer Übersetzung aus dem Japanischen (beide nach Thorald Meisel), Jean de La Fontaine und, wie bereits angekündigt, nochmals zu Christoph Heins Guldenberg.



Die 2. Ausgabe des Literaturpanoramas war anlässlich des Interviews von Dr. Frieder Spitzner am 10. Juni in der Freien Presse "Gendern sagt nichts über Gleichstellung" auf das Gendern als Problem der Literatur eingegangen. Inzwischen gibt es neben einer vielfältig geführten Diskussion eine bemerkenswerte Entscheidung eines Magazins, wie es sich in Zukunft verhalten will: Das Ziel ist eine Sprache, "die mit der Zeit geht, die fair, lesbar und schön ist, ohne dogmatisch und moralisierend zu wirken" (DER SPIEGEL Nr. 27 vom 3. 7. 2021). Das bedeute, Genderzeichen als Ausnahme nur noch in bestimmten Kontakten zu verwenden, allerdings dort auf sie zu verzichten, "wo der SPIEGEL als Institution der Absender ist: also in allen Meldungen, Analysen, Nachrichtengeschichten und Reportagen und im Leitartikel". Die Entscheidung ist deutlich; sie gilt der Erhaltung der deutschen Sprache und orientiert sich an ihrer historischen Entwicklung. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf den Aufruf von Schriftstellern und Sprachwissenschaftlern vom 6. März 2019 Schluss mit dem Gender-Unfug!, dem sich inzwischen zahlreiche Schriftsteller, Wissenschaftler, Journalisten, Lehrer und andere angeschlossen haben.




(I) Aktuelles und Neuerscheinungen



  Schriftsteller   Aktuelles und Neuerscheinungen
 
Hermann Kant: »Therapie« (2021)


 

Der erfolgreiche und bekannte Autor ist vor fünf Jahren, nach seinem 90. Geburtstag, verstorben. Es ist leiser um ihn geworden, aber nicht still.
Sein Werk erhält nun eine unerwartete Ergänzung. - Der Satz "Literatur ist Leben auf hoher Verarbeitungsstufe." gehört zu den Aphorismen des Bandes, die den erfahrenen Schriftsteller ausweisen, der sein literarisches Werk mit ästhetischen Grundsätzen erklärt, die es für zukünftige Leser wirksam werden lassen. Der Band ist aus dem Nachlass unter der sachkundigen Herausgeberschaft der Journalistin Irmtraud Gutschke zusammengestellt worden, die zu Kant das einfühlsame Interview in Buchform im Jahr 2007 (Hermann Kant: Die Sache und die Sachen) veröffentlicht hatte.
Als Hermann Kant 2011 in die Klinik Neustrelitz schwer erkrankt eingeliefert wurde - der Heilungsprozess dauerte sieben Wochen - gestattete man dem Schriftsteller einen Computer, zur Therapie sozusagen. Entstanden ist die Erzählung Ein strenges Spiel, die mit der Erzählung Die Zeit und ihre Zeugen das Schriftstellerleben Hermann Kants - Ende und Anfang - umfasst. Texte aus Zeitungen und Zeitschriften - ND und Konkret und anderen - kamen hinzu. Es beeindruckt die Beschreibung des selbstgestellten Schreibauftrags. Der wichtigste Grund war für Kant das Erlebnis des Zweiten Weltkrieges, das entstehende Wissen um Vernichtung und Verbrechen durch Deutsche und seine polnische Gefangenschaft: Die Zeit und ihre Zeugen (2005). Seine Taten ließen ihn zum Mitschuldigen werden; darüber schreibt er so lakonisch, dass kein Platz für euphemistische Attribute bleibt: Die Fakten sind deutlich und beschreiben "mörderische Effizienz". Auf der Straße, auf der Kant in Gefangenschaft geriet, hatte man vier Jahre zuvor in "rollenden Gaskammern siebenhundert Juden aus Kolo ermordet", eine der kleinsten Zahlen in der aufgelisteten Verbrechenstatistik.

Aus dem deutschen Wehrmachtssoldaten Kant wurde ein antifaschistischer Schriftsteller. Er leitete aus seiner Schuld der Teilnahme am Krieg die Verantwortung für die Sühne ab und versuchte diese zu leben. Seine Handlungen und Haltungen sind oft aus diesem traumatisierenden Grunderlebnis zu erklären: "Ich dachte nicht daran, ich denke nicht daran, mich zu beklagen. Doch versuchte ich, das, was ich sah, gegen die mörderische, die ganz und gar verderbliche Unwissenheit weiterzusagen." (21) Betraf das den Inhalt seines Schreibens, so erklärte er auch die von ihm verwendeten gestalterischen Mittel daraus: " ... die Art meines Schreibens kam zustande, weil ich in keiner Idylle war." (28)
Eine besondere Stellung nimmt die Erzählung Ein strenges Spiel ein, die Kant 2014 als Eigendruck veröffentlichte und an "gute Freunde" verschickte. Darin tat er seinen Abschied vom Schreiben kund. Er schildert eine Rettungsaktion aus der Zeit, als Linde Salber ihre Kant-Biografie schrieb. Ihr Vorsatz, Hermann Kants Bild, "das nach der Vereinigung arg beschädigt worden war, endlich zurechtzurücken" (Salber), wird durch diese Erzählung und durch den Band insgesamt präzisiert und durch sehr persönliche Bekenntnisse des Autors ergänzt. In Situationen, die nicht heiter sind, blitzt dennoch die muntere Ironie Kants durch: Er bekennt, dass er seit der Frauenfußballweltmeisterschaft "merklich genderoffener" denke.

Aus Träumen und Wünschen sind Enttäuschungen und Niederlagen geworden. Sein Leben wollte Kant auf einer "Loipe" führen, zwischen Start und Ziel, planmäßig, zielstrebig und schnell, am Ende musste er sich eingestehen, "im Göpelzirkel geht es voran" (110), im Kreis, voller Wiederholungen und letztlich ohne sein Ziel zu erreichen, aber nicht nutzlos.
Stärker als früher wird Literatur als Spiel beschrieben, folgend dem Leben als einem "strengen Spiel". - Schließlich werden einige "Gesinnungsnachbarn" genannt, mit denen Kant im geistigen Spiel umzugehen pflegte, zustimmend, aber auch im widerspruchsvollen Gegensatz: Wolfgang Borchert und Thomas Mann, Günter Grass und Erwin Strittmatter, über allen Heinrich Heine. Das letzte Interview Irmtraud Gutschkes mit Kant und ein Nachwort von ihr beschließen den Band.

Hermann Kant: Erzählungen und Essays (Herausgegeben und mit einem Nachwort von Irmtraud Gutschke) Berlin: Aufbau-Verlag 2021, 160 S., 22,- €




 
Manfred Zill: » Is muss net grod Mallorca saa« (2021)


 

Die Themen Sommer und Reisezeit haben den Mundartautor Manfred Zill (69) aus Willitzgrün in seinem neuen Buch beschäftigt.
Er nennt es mit einem Augenzwinkern eine "Urlaubslektüre, nicht nur für Daheimgebliebene". Auf über 100 Seiten nimmt er die Leser mit nach Mallorca und an den Balaton, aber auch in den heimischen Garten und auf die Wiese zur Heuernte, um zu konstatieren: "Is Vochtland is aa schie!"
Manfred Zill veröffentlichte 1980 sein erstes Mundartgedicht. Nach einer längeren Pause setzte er in den 1990er Jahren sein Schreiben fort und war seit 2000 in fast jedem Vogtland-Jahrbuch vertreten.
Das hier vorgestellte Buch ist sein drittes. Darüber hinaus ist er im Vogtländischen Mundartkreis aktiv, nimmt regelmäßig an den Mundarttagen teil und hält Lesungen in den Museen von Schöneck und Landwüst. Die "Muttersprooch" für künftige Generationen zu erhalten und ihre Verwendung zu popularisieren ist sein Anliegen.

Manfred Zill: Is muss net grod Mallorca saa (Markneukirchen: Eigenverlag 2021, 112 S.)









(II) Jubiläen und Gedenktage



  Schriftsteller   Jubiläen und Gedenktage
 
Die bedeutende Lyrikerin Dagmar Nick wurde 95 Jahre

 

Die Dichterin wurde bereits am 30. Mai 2021 95 Jahre alt. Erst einige Würdigungen und ein Interview riefen Gedichte in Erinnerung.

Ihr erstes Gedicht erschien 1945 in der Münchner Neuen Zeitung, deren Feuilletonchef Erich Kästner war. Mit diesem vielfach nachgedruckten Gedicht wurde die Neunzehnjährige berühmt und ist es bis heute geblieben:

Flucht

Weiter. Weiter. Drüben schreit ein Kind.
Lass es liegen, es ist halb zerrissen.
Häuser schwanken müde wie Kulissen
durch den Wind.
Irgendjemand legt mir seine Hand
durch den Wind.
in die meine, zieht mich fort und zittert.
durch den Wind.
Sein Gesicht ist wie Papier zerknittert,
durch den Wind.
unbekannt.
durch den Wind.
Ob Du auch so um dein Leben bangst?
durch den Wind.
Alles andre ist schon fortgegeben.
durch den Wind.
Ach, ich habe nichts mehr, kaum ein Leben,
durch den Wind.
nur noch Angst.
durch den Wind.


Das schlichte Gedicht beschreibt ohne Pathos und Sentimentalität das Erlebnis von Kriegsende und Vernichtung, von der die Dichterin - ihre Mutter galt als Halbjüdin - ständig bedroht war. Dennoch musste es weitergehen - es ist kurz vor Kriegsende; die Dopplung "Weiter" zu Beginn ist Programm. Gleichzeitig ist nicht nur Hoffnung vorhanden, sondern die lautliche Aufnahme des "ei" in "schreit" führt zu einer Assonanz, die Gefahr signalisiert: Gefährdet ist das Leben, mehr hat das lyrische Subjekt nicht - das aber ist viel und es ist zu retten aus dem Umfeld von Angst. Erneut erscheint eine lautliche Figur, diesmal eine a- Alliteration und Assonanz (alles, andre, ach, habe kaum, Angst).
Nur das Leben, ein wenig Hoffnung und ein wenig Hilfe sind die brüchigen Voraussetzungen für die Zukunft. Drei Jahre nach dem ersten Gedicht wurde ihr erster Gedichtband Märtyrer mit dem Liliencron-Preis ausgezeichnet, zahlreiche weitere Preise folgten. Die Lyrikerin war angekommen.

Kürzlich erschien der Schlesische Kulturspiegel (2021, Nr. 2) und brachte einen Auszug aus einem Interview mit Dagmar Nick, das vollständig auf dem YouTube-Kanal Stiftung Kulturwerk Schlesien zu sehen ist. Dagmar Nick erinnert sich darin an den Druck des Gedichtes: Ihr Vater, der den Rundfunk in Breslau gegründet hatte, wurde im Februar 1933 entlassen, die Familie suchte Schutz an vielen Orten. Zur richtigen Flucht wurde ihr Leben kurz vor Kriegsende, das Gedicht Flucht war die "Vorstellung von Flucht, es war aber nicht die erlebte Flucht", die zwei Tage danach folgte...
In München begann 1945 ein neues Leben; ihr Vater nahm Verbindung mit Erich Kästner auf "und so ging dieses Gedicht dann in die Welt hinaus", zuerst in zwei Millionen Exemplaren der Neuen Zeitung, dann durch viele kleinere Zeitungen und anschließend durch zahllose Anthologien. So wurde ein Gedicht zum Symbol eines Lebens und blieb es, obwohl das Werk der Dichterin umfangreich und vielgestaltig ist - neben Lyrik umfasst es Reisebücher, Hörspiele und Mythenadaptionen. In einem Atemzug mit bedeutenden deutschen Lyrikerinnen wie Rose Ausländer und Ingeborg Bachmann genannt erweist sie sich auch männlichen Autoren verwandt. So nimmt das Gedicht Abschiede aus dem Band Gezählte Tage (1986) das frühe Thema nochmals auf und lässt die Nähe zu Gottfried Benn erkennen:

Abschiede

Auch die Abschiede werden jetzt leichter,
als wären sie nicht so gemeint.
Horizonte voll unerreichter
Hoffnungen - weggeweint.

Dein Winken zurückgeworfen.
Deine Hände versinken im Meer.
Kein Anker für meine amorphen
Träume der Wiederkehr.

Abschiede. Nirgends war Dauer.
Schon zerrieselt dein Aschengesicht.
Am Ende ist auch die Trauer
Ohne Gewicht.


Aus der Flucht von 1945 ist eine Überschau im späten Leben geworden; Abschiede hat es immer gegeben, aber sie haben stets das Weiterleben ermöglicht und ein Gleichgewicht zwischen Traum und Erfüllung gebracht, das für Trauer wenig Raum hat. Wiederum wird eine Assonanz verwendet, wiederum die des "ei", nunmehr sogar in den Reim gebracht und nicht erfüllte Hoffnungen leichter nehmend. Die Schlussstrophe wird vom a/au-Klang bestimmt; es ist ein erfülltes Leben geworden und das "a" von Angst und Abschied verklingt, ist "ohne Gewicht".



 
Marcel Proust (10. Juli 1871 - 18. November 1922)
- 150. Geburtstag

 

Der französische Schriftsteller Marcel Proust war nicht nur einer der bedeutendsten, auffälligsten, sondern einer der wirkungsmächtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts.

Sein Leben verlief, belastet von Asthma, ohne äußere Aufregungen und Sensationen, in Krankenzimmer und Bett. Wirtschaftliche Sorgen kannte er nicht, soziale Kämpfe waren ihm unbekannt und wurden nicht sein Thema. Die Zeit in den Salons zu verlieren, als Snob, und das als Lebensinhalt zu begreifen war zeit- und standesgemäß. Doch betrafen ihn auch Homosexualität und Antisemitismus, Liebesaffären und Leidenschaften, Ängste, Tragik und Begierden.

1905 zog er sich völlig zurück und lebte in einem schalldichten, mit Kork ausgeschlagenen Raum, um sein Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu schreiben. Sein Dasein galt, wie sich nach seinem Tod herausstellte, der Niederschrift dieses Hauptwerkes, er fühlte sich im Dienst eines gigantischen Romanwerkes, dessen 1. Band 1913 erschien und das im März 1922 beendet wurde, im November 1922 starb Proust. Das monumentale Romanwerk gehört zu den meistgenannten Titeln, wenn es um moderne Literatur geht.
Das Werk umfasst sieben Bände, mehr als 4000 Seiten: Geschrieben fast ohne Absatz und Einschnitt ist es ein Strom von Beschreibungen, teils in gigantische Sätze gefügt, in die die Kunst des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg einbezogen worden ist. Um dem zu folgen werden Lesen und Denken langsam, aber intensiv. - Marcel, der Held des Romans, ist in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts als Sohn eines hohen Beamten zur Welt gekommen und zeichnet seine Erinnerungen an sein Leben im Fin de Sìecle auf. Die Handlung des umfangreichen Werkes ist einfach, fast schlicht. Der Ich-Erzähler schildert sein verflossenes Leben, die "vergangene Zeit" bis zum Zeitpunkt dieses Entschlusses. Er beschreibt nur mittelbar ein gelebtes Leben, es dominiert ein erinnertes Leben. Dabei ist er doppelt vorhanden, einmal als der Erinnernde und zum anderen als der Erinnerte. Eine Ausnahme stellt der 2. Teil Eine Liebe von Swann im 1. Band In Swanns Welt dar - eine fast in sich geschlossene selbstständige Erzählung -, teilweise übernimmt ein auktorialer Erzähler den Bericht des Geschehens, aber im Hintergrund agiert auch hier der Ich-Erzähler.

Das Gesamtwerk bedarf viel Zeit, um Anspielungen, Namen, Nennungen usw. zu folgen und in die französische, aber auch europäische Geschichte und Kulturgeschichte einzutauchen. Lexikalische Handbücher sind für die Lektüre günstig, Wikipedia reicht nicht.
Der erste Satz des riesigen Werkes wurde - wie auch anderes - sprichwörtlich: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.", weil er den Charakter des Romans punktgenau trifft. Unter den zahlreichen Bildungselementen, die das Romanwerk durchziehen, finden sich im 1. Band auch Bronzeappliken zum Thema Der Bär und die Trauben, möglicherweise ein Irrtum der Hausherrin, die sich gebildeter gibt als sie ist, denn es kann sich auch um die Fabel Der Fuchs und die Trauben von Äsop handeln. Die Fabel hat viele Variationen gefunden, so bei Karl Wilhelm Ramler und Albrecht von Haller in der deutschen Literatur. Vielleicht hat Prousts Madame Vendurin aber auch den französischen Fabeldichter Jean de La Fontaine im Kopf, der die Fabel ebenfalls nachdichtete. Jean de La Fontaine wurde vor 400 Jahren, am 8. Juli 1621, geboren; er starb 1695. Er wurde zum bedeutendsten französischen Fabeldichter und wirkt bis heute auf zahlreiche andere Literaturen. An geregelter Tätigkeit hatte er wenig Interesse, brach Ausbildungen ab oder übte sie nach Abschluss (Jura) kaum aus und lebte von den Einkünften der Ämter, die ihm sein Vater vererbt hatte, und lebenslang von Gönnern. - Er hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk - die französische Gesamtausgabe umfasst 12 Bände (1883-1897) -, bekannt wurde er aber und blieb er bis heute durch seine Fabeln. Sowohl Kritik am absolutistischen System als auch Mitgefühl für die Schwachen thematisierte er in seinen oft satirisch gefärbten Fabeln, er plädierte aber auch für Vernunft und Natürlichkeit. So ist die folgende Fabel eine Illustration der Erkenntnis "Die Trauben hängen zu hoch."

Der Fuchs und die Trauben

Ein Fuchs aus der Gascogne oder Normandie,
Verhungernd fast, hat Trauben am Spalier erschaut.
Sie hingen hoch - doch ach, wie köstlich lockten sie
Mit ihrer reifen zartbehauchten Haut!
Das wär ein Mahl, wie's unserm Burschen wohl behagte.
Doch unerreichbar hing die süße Traubenglut.
Drum rief er: "Pfui, wie grün! Die sind für Lumpen gut!"
Und war's nicht besser so, als dass er sich beklagte?









(III) Marginalien



  Thema   Inhalt
 
Diskussionen um Christoph Heins Guldenberg

 

Wie bereits in Nr. 2 angekündigt, folgen Bemerkungen zu einer relativ umfangreichen Diskussion über Christoph Heins neuen Roman.

Es gab unterschiedliche Meinungen. Der Roman hat inzwischen die Bestsellerlisten erobert. Manche Leser kamen zuerst mit dem spröden Ton des Buches schwer zurecht und es dauerte, ehe sie erkannten, dass dieser Ton Besonderheiten treffen sollte: Auf Unterhaltung oder gar Frohsinn war dieses Buch nicht aus, vielmehr wollte es Warnung sein für eine Verhärtung und Brutalisierung des Umgangs miteinander, zunehmend auch in der Öffentlichkeit.

Eine pensionierte Wissenschaftlerin aus Freiburg i. Br. lobte "die kundige Rezension" in Nr. 1 unseres Literaturpanoramas, das Buch sei "erschütternd" und ein "wichtiges Buch, geradezu ein Lehrstück" (27. Mai 2021).
Das literaturinteressierte Ehepaar H. aus Spantekow, dem Geburtsort des Sprachschöpfers Adelung, beschrieb seine unterschiedlichen Erfahrungen: Während der Mann das Buch für langweilig erklärte, begeisterte es die Frau und beide waren auf der Suche nach gemeinsamem Verständnis, was durch die Erörterung des Untertextes hergestellt wurde.
Eine Lehrerin aus Halle, Frau D., die Heins Roman Glückskind mit Vater für ein Unterrichts-Projekt im Gymnasium einsetzte, schrieb, sie wisse "dieses Mal noch nicht so recht, was ich sagen soll. Es ist schon spannend, aber irgendwie fesselt es mich nicht so sehr, wie die bisherigen Romane". Sie erkannte dann, dass die Spannung nur vordergründig eingesetzt wurde, vielmehr ging es dem Schriftsteller um die Wiederkehr immer gleicher Vorgänge - die Angst vor dem Fremden und Ungewohnten, aber auch vor den Fremden - unter verschiedenen Machtstrukturen.

In den Meinungen wurde deutlich, dass manche Leser erst die besondere Funktion des Untertextes bei Hein erkennen mussten. Jede Namensnennung, alle Akzentuierungen von Besonderheiten usw. sind für den Leser ein Hinweis auf übergreifende Zusammenhänge, die den neuen Roman als eine Variation und Wiederholung früherer Werke Heins (Horns Ende 1985, Landnahme 2004) ausweisen und auf ungelöste, ja, sich verschärfende Konflikte durch die Zivilisation zielen.

 
Vogtländischer Dialekt in japanischem Buch - Chisako Wakatake (geb. 1954)

 

Die japanische Autorin Chisako Wakatake hat für ihr Buch »Ora ora de hitori igu mo« mehrere Auszeichnungen erhalten.

Der Class-Verlag hat es übersetzen lassen und unter dem Titel Jeder geht für sich allein 2021 veröffentlicht; Leser und Kritiker waren schnell des Lobes voll. Im Roman ließ Momoko die Zwänge der Provinz hinter sich und ging nach Tokyo. Dort verlief ihr Leben wie das vieler Frauen: Sie arbeitete, war freundlich und folgsam, heiratete, bekam Kinder und schuf ein schönes Zuhause.

Schließlich ist sie alt, der Mann ist tot, die Kinder sind aus dem Haus und sie denkt an die einstigen Träume, die Liebe, die Einsamkeit, das Altern und den Tod. Nun kommt wieder, was durch die Hochsprache verdrängt wurde, der Dialekt der Provinz, ihrer Heimat.
Der Deutschlandfunk Kultur machte in einer Besprechung darauf aufmerksam, dass der Übersetzer Jürgen Stalph für diesen Übergang von der japanischen Hochsprache in einen japanischen Dialekt einen der Dialekte des Vogtländischen nutzte und erreichte damit zusätzlich Aufmerksamkeit für Buch und Übersetzung und ganz nebenbei für das Vogtländische.

(Chisako Wakatake: Ora ora de hitori igu mo. Jeder geht für sich allein. Übersetzung aus dem Japanischen Jürgen Stalph. Bad Berka: Class-Verlag 2021, 109 S.)








      Literaturbeiträge vom 15. Juni 2021



Liebe Leserinnen, liebe Leser,
es erscheint die 2. Ausgabe des Literaturpanoramas. Nach der 1. Ausgabe gab es einige wohlwollende Bemerkungen. So hielt Dr. Pönnighaus es für eine "wirkliche Bereicherung" und wollte es "weiterempfehlen", Dr. Uwe Bernhard lobte Frau Klemm, die für die Gestaltung zuständig ist, für die "wirklich toll gemachten Internetseiten" und riet, das Magazin "jedem zu empfehlen, der sich über ‚Altes' in der Literatur informieren und dabei Neues entdecken will".
Wollen wir hoffen, dass es weitere Freunde des Magazins geben wird. Für Anregungen und Meinungen sind wir immer offen. Begrüßt wurde der Hinweis auf Erich Mühsam und ein Leser nutzte die Anregung, um die allen Interessierten kostenlos zugänglichen Tagebücher des Dichters anzusehen. Was er fand, erstaunte ihn, nicht nur, was die Freiheits-Auffassung Mühsams betrifft, sondern er fand die Tagebücher insgesamt "höchst interessant". Das ist zu unterstreichen: Mühsams Beschreibungen von Zeitumständen und Zeitgenossen sind spannend und unterhaltend und kostenlos.

Im Folgenden wird es Bemerkungen geben zu Hermann Vogel, Max Schmerler, Friederike Mayröcker, Gerhart Hauptmann, H.C. Artmann und Volker Braun.




(I) Aktuelles und Neuerscheinungen



  Schriftsteller   Aktuelles und Neuerscheinungen
 
»Gendern sagt nichts über Gleichstellung«

Interview von Dr. Frieder Spitzner am 10. Juni in der Freien Presse


 

Der Vorsitzende unserer Vogtländischen Literaturgesellschaft, Dr. Frieder Spitzner, hat sich in der Freien Presse in einem aufschlussreichen Interview fundiert und mit Beispielen ablehnend zur Genderisierung geäußert.

Die sprachliche Gleichstellung verschärfe das Problem der "Defizite bei der Gleichberechtigung«. Als Literaturwissenschaftler kann ich dem zustimmen und es aus anderer Perspektive unterstreichen.
Sprachgesellschaften haben sich schon immer um besondere Entwicklungen bemüht, z.B. um die Beseitigung verbreiteter Fremd- oder Lehnwörter. So sollten Lehnwörter wie Fenster, lat. fenestra, durch Augenloch oder Tagesleuchte, Fieber durch Zitterweh, Urne durch Leichentopf usw. ersetzt werden. Gelungen ist das wie vieles andere nicht. Eine der bedeutendsten Gesellschaften dieser Art, die Fruchtbringende Gesellschaft in Köthen (1617- nach 1680), eine frühe Akademie, vereinigte rund 800 Mitglieder mit hohem und höchstem Einfluss und u.a. dem Ziel einer sprachlichen Reform. Vor 400 Jahren forderte diese Gesellschaft. »daß man die Hochdeutsche Sprache in jhren rechten wesen und stadt ohn einmischung frembder außländischer wort auffs möglichste und thunlichste erhalte und sich so wohl der besten außsprache im reden« befleißige. Die Anstrengungen waren groß, die aufgewendeten Mittel, finanzieller und geistiger Art, groß und der Erfolg - auf diesem Gebiet - gering. Sprache lässt sich weder kommandieren noch ins Grafische transportieren, ohne ihre Bedeutung und ihre Identität zu verlieren. Die Folgen wären katastrophal.




 
Hermann Vogel

- 100. Todestag 2021


HVogel

Hermann-Vogel-Haus
in Krebes

 

Aus aktuellem Anlass kann auf einen Künstler verwiesen werden, der uns regionalgeschichtlich nahe steht:
Hermann Vogel, ein vielseitiger vogtländischer Maler und Dichter (1854 Plauen - 1921 Krebes).


Er hatte am 22. Februar 2021 seinen 100.Todestag. Das Vogtlandmuseum Plauen, das ihm bereits 2011 eine Ausstellung gewidmet hatte, hat anlässlich dieses Jubiläums im laufenden Jahr manche Überraschung bereit, die wir zur Kenntnis nehmen wollen. Vogels künstlerisches Werk hängt eng mit Literatur zusammen. Er illustrierte unter anderem die Märchen Andersens und Musäus', das Nibelungenlied und Scheffels Ekkehard. Er war mit seiner Kunst wie mit manchem Text ein moderner Künstler: Massentourismus war ihm zu seiner Zeit in den Anfängen schon suspekt, der Verkehrsentwicklung stand er kritisch gegenüber und den von ihm geliebten Wald, durch den man seinen Sarg zu seiner Beerdigung wenigstens ein Stück trug, sah er durch Spekulanten gefährdet:

Den Märchenwald, den kauften sich
Die Bauholzspekulanten,
Und schlugen den Tempel Meister Schwinds*
Mit Ach und Krach zu Schanden!
Zertreten die Farren, die Moose verbrannt;
Verschwunden die Wasserweiber;
Ihr Harzblut verströmen im Sonnenbrand
Die gefällten Tannenleiber!


(*Schwind = der Maler Moritz von Schwind, Vogels Vorbild)




 
Max Schmerler

150 Geburtstag 2023

 

In dem Zusammenhang wird auf Max Schmerler (1873-1960) hingewiesen, der 2023 ein Jubiläum haben wird.

Zu seinem 150.Geburtstag hat sich unser Vorstandsmitglied Thorald Meisel ausführlich mit Leben und Schaffen des vogtländischen Heimatdichters beschäftigt; eine von ihm verfasste Biografie ist im Druck, sie zu verbreiten wird eine Aufgabe unserer Gesellschaft sein.
Der Mundartdichter Max Schmerler war ein bescheidener Vogtländer. »Der von ihm geprägte Begriff Musikwinkel lebt noch heute und ist zu einem Markenzeichen für die Region um die Städte Klingenthal, Markneukirchen und Schöneck geworden, in deren Zentrum das langgezogene Dorf Zwota liegt«, wie Meisel in seiner Biografie vermerkt.




 
Volker Braun:

Große Fuge

 

Zahlreiche neue Bücher müssten hier genannt werden, eines wird ausgewählt. Jede Neuerscheinung von Volker Braun ist eine Sensation.

Nun ist der Gedichtband Große Fuge erschienen. -
Mit dem Namen des Dichters fällt mir stets sein berühmtes Gedicht an Das Eigentum mit der Eröffnung:
»Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.«
In dem neuen Band beschreibt er die Folgen der Pandemie, bleibt dabei ähnlich scharfzüngig. Manchem Verantwortlichen scheint die erzwungene Ruhe nicht weh zu tun,

All dem (Unfug) Einhalt gebieten ein Jahr ohne Kunst
So kommt Ruhe ins Verfahren, ihr Dilettanten.


Mit Große Fuge wird ein Feld der Deutungen geöffnet, von der Grundbedeutung in der Musik, ein Thema wird kontrapunktisch durch Stimmen und Instrumente variiert, über das Trennend-Verbindende bei Stufen und Ziegeln bis zu speziellen poetischen Bedeutungen von Johannes R. Becher bis zu den grafischen Niederschriften von Carlfriedrich Claus, auf die Braun in den Anmerkungen hinweist. Das variierte Thema in den Texten sind Folgen der Corona-Quarantäne, vor allem Verlust von Kultur, aber auch fehlende Menschen und verloren gehende Menschlichkeit. In der Leere sieht Brauns lyrisches Ich auch neue Gefahren, z. B. den Maschinenmenschen (Kyborg)

in seinem
Ironischen Kleid aus Seide und Blech.
Der Tanz
Auf dem Gendergraben
,

auf dem Weg dorthin kann man das Geschlecht mit einem Sprechakt ändern / Aber die Welt nicht ...
Braun geht auf das Gendern mit Sarkasmus ein, wie überhaupt viel Ironie und Sarkasmus den Dichter befähigen zu überleben und zu dichten. Nach unserer Zeit, Titel eines Textes, herrscht Totenstille. Mit Hoffnungen ist Braun stets vorsichtig umgegangen, nun scheinen sie kaum noch vorhanden zu sein. Erinnerungen sind an ihre Stelle getreten. Dazu gehört aber auch ein angespanntes Verhältnis des Dichters, dessen Wachträume Ausdruck von Ängsten sind. Zurücknahmen finden sich bis in das Zitat hinein, so wenn das weltberühmte Zitat des Bundesliedes des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, gedichtet von Georg Herwegh, mit den Versen erscheint:

Alle Räder stehen still
Wenn der starke Wind nicht will
.

Brauns lyrisches Subjekt setzt sich mit Ahnherren und Zeitgenossen auseinander, nennt sie, zitiert sie, von Kleist über Hölderlin und Rilke bis zu Rudolf Bahro.








(II) Jubiläen und Gedenktage



  Schriftsteller   Jubiläen und Gedenktage
 
Friederike Mayröcker starb am 4. Juni 2021

 

Die berühmte österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker ist am 4. Juni 2021 in Wien gestorben (geboren 20. Dezember 1924).

Sie studierte Anglistik und war bis 1968 Lehrerin. Danach lebte sie als freischaffende Autorin in Wien. Viele ihrer Arbeiten ließen die Lebensgemeinschaft mit Ernst Jandl (1925-2000), ebenfalls ein Lehrer und bedeutender Dichter, erkennen. Beider Dichtung war von Unterschieden geprägt, Jandls Lyrik war klar, experimentell und teils spröde, Mayröckers Dichtung war verweisend und assoziativ, hymnisch und von hohem Ton. Beide trennten sich von ihren Partnern, zogen zusammen, mussten aber erkennen, dass sie einer besonderen Art des Zusammenlebens bedurften, des getrennten Zusammenlebens, gegenseitig erreichbar, aber nicht ständig zusammen. Das wurde zum Quell der Inspiration für beide.
Ernst Jandl schrieb einen Essay Versuch, zu einem Gedicht von Friederike Mayröcker etwas zu sagen, der für eine Schulfunksendung gedacht war und eine vorzügliche Auswahl aus ihren Werken begleitete, die 1985 in Verlag Volk und Welt (Berlin) erschien. In dem Essay sagte er u.a. über Mayröckers Gedicht Winter-Nachtigall: »Winter ist die Zeit, und die Region, des Frostes. Die Nachtigall ist ein Zugvogel, der für diese Zeit diese Region verlässt. Der Winter ist das Alter des Lebens. Die Nachtigall ist Sommer und süßer Gesang. Die Nachtigall ist ein romantischer Vogel. Die Winternachtigall singt nur: für dieses Gedicht.«
Sie ist mit Gedichten bekannt und berühmt geworden, auch wenn sie andere Genres (Prosa, Hörspiel, szenische Texte) bediente. Es war eine Dichtung überschaubarer Wirklichkeit, viel Wien, die Jahreszeiten. Bedrohung durch Kälte und Verlusten; es waren die Bilder für einen zerstörten Planeten, dessen zunehmende Bösartigkeit und Brutalität sie schon seit den siebziger Jahren ohnmächtig erlebte. Das lyrische Subjekt flüchtet sich in seine Kunstwelt, wo es Bindungen sucht und bewahrt. Überall klang dort Lyrisches an, das sich verschiedenartig zusammensetzen ließ. Einfach war ihre Dichtung nicht, nicht zu lesen und nicht zu verstehen:

Durch viele Masken
schauen wir
die schöne Welt:
es pendelt
still der Mond
es kreist die Sonne wieder
o Sirius o Mandelbaum und Stern:
noch leben alle die wir lieben


Diese Dichtung will Liebe und Schönheit retten; selbst den Tod möchte sie überwinden: Solange wir an die Menschen denken und sie lieben, die wir nicht vermissen möchten, solange leben sie durch die Dichtung, in die sie die Dichterin einbringt. Das Auge der Dichterin - eine zentrale Metapher bei ihr - bekommt mindestens zwei Funktionen: Es sieht das Außen und projiziert nach Innen; ordnend eingreifend wirkt die Dichterin. Ihre Dichtung erschließt sich nicht bei schneller Lektüre, sie bedarf aufmerksamer Zuwendung, verbunden mit aufwändigem Einsatz des Geistes. Aber der Leser wird belohnt: Die Dichtungen Friederike Mayröckers spannen ihren Bogen zwischen Paradies und Endzeit und werden damit höchsten Ansprüchen gerecht.



 
Gerhart Hauptmann starb am 6. Juni vor 75 Jahren

 

Ein anderer Verlust jährte sich in diesen Tagen weitgehend unbemerkt zum fünfundsiebzigsten Mal:

Am 6. Juni 1946 starb der Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann in seinem burgartigen Haus Wiesenstein in Agnetendorf, das durch das Kriegsende 1945 polnisch geworden war. Hauptmanns Umsiedlung in die sowjetische Besatzungszone war geplant; im Herbst 1945 hatte er in einem Gespräch mit dem sowjetischen Kulturoffizier Grigorij Weiss und Johannes R. Becher über den neu gegründeten Kulturbund verhandelt. Das Ergebnis des Besuchs konnten die Leser der Täglichen Rundschau im Oktober 1945 lesen: Hauptmann hatte sich zur Mitarbeit bereit erklärt und verkündet: »"Es gibt keinen Augenblick, in dem ich nicht Deutschlands gedenke... Ich kenne keinen anderen Gedanken, und alles ist nur der.« Er bekannte sich zu Deutschland in seinen verschiedenen Möglichkeiten: soziales Mitleid empfindend, aber auch deutschem Großmachtstreben opportunistisch huldigend. Gegensätze - durch seine Zwiespältigkeit wurde er für die sowjetischen Offiziere und die deutschen Antifaschisten zu einem Deutschen, der sich für viele Mitläufer im Dritten Reich zur Identifikation anbot. -
Er wurde, wie er es gewünscht hatte, in einer Mönchskutte begraben; das Neue Testament, das ihn als Geschenk einer herrnhutisch orientierten Tante seit seiner Jugend begleitet hatte, hält er in den Händen, sein Kopf ruht auf dem Großen Traum, seiner fragmentarischen Dichtung. Da Schlesien als Begräbnisstätte unmöglich geworden war, blieb Hiddensee. Auch die erwünschten Grabbeilagen entsprachen seinem Grundsatz: Das Neue Testament und der Große Traum deuteten an, dass sich der Dichter auf beides eingestellt hatte, auf Himmel und Hölle, auf endgültigen Tod und unendliches Weiterleben, auf »Nu, ja, ja - nu, nee, nee«.
»Nu, ja, ja - nu, nee, nee« war die Maxime von Hauptmanns Leben, ausgesprochen vom Weber Ansorge im berühmtesten Werk Die Weber. Es war und ist eines seiner modernsten: Er beschrieb eine technologische Veränderung, die ein frühes Beispiel des internationalen Wirtschaftskampfes darstellt: Nicht nur die Heimweber verloren durch die Mechanisierung der Weberei in England Besitz und Arbeit, sondern auch die Verleger der Textilprodukte. Beide waren der internationalen Konkurrenz nicht mehr gewachsen, ein aktuell erscheinender Vorgang und ein literarisches Beispiel für frühe Globalisierung. Als dieser Vorgang zuerst nur Ökonomen ins Blickfeld geriet, schuf ein Dichter bereits das bleibende Dokument.
Gerhart Hauptmann gestaltete mehrfach fast prophetisch Kommendes, ob im Falle der Weber die Internationalisierung der sozialen Konflikte oder im Roman Atlantis (1912) den Untergang eines Ozeandampfers, der kurz darauf durch den Untergang der Titanic real wurde. Im Falle seines fragmentarischen Romans Der neue Christophorus beschrieb er die Bedrohung der Menschheit durch die Atombombe. Die ersten Bomben fielen zwei Monate nach Hauptmanns Tod. So wurde Hauptmanns umfangreiches Werk ein unveräußerlicher Bestandteil des Gedächtnisses der deutschen Kultur und der Menschheit.
Der letzte Text, den Gerhart Hauptmann am 15. Februar 1946 diktiert hatte, wurde nicht in die Gesamtausgabe (Centenarausgabe) aufgenommen, weil er zu fragmentarisch wirke. Dabei enthielt er nichts anderes als die Beschreibung von Gegensätzlichem, das keine Entscheidung gesucht, sondern alle Möglichkeiten beansprucht hatte:

Das Große dasselbe,
das Grüne das Gelbe,
das Junge das Alte,
das Heiße das Kalte:
man nennt das / Erleben,
nennt's Schenken und Geben.
Wer gibt? Wer schenkt?
Wer folgt? Wer lenkt?
Fragt nicht:
schweigt ...
".

Dass Hauptmanns Modernität und seine Zwiespältigkeit anlässlich des Jahrestages so unbemerkt blieb, ist ein trauriges Zeichen von kulturellem Desinteresse.



 
H.C. Artmann
hätte am 12. Juni 2021
den 100. Geburtstag
gehabt.

 

Am 12. Juni 2021 wäre der österreichische Dichter H (ans).C(arl). Artmann 100 Jahre geworden, ein auffälliger Name der Moderne, der ein Einzelgänger war. Nichts in seiner Biografie ist richtig sicher und auch in seiner Dichtung ist alles in Fluss. In seiner Sammlung Der handkolorierte Menschenfresser heißt es: »Da heult draußen der wolf durch tau und dämmerung, so schrill, daß sich der morgenstern vor schreck die hosen voll macht und dem herrn C. das herz in die seinen fällt. Im stüblein wird der bäcker munter ...« (Nr. 23)
Das ist Artmanns Art: Alles ist richtig, aber nichts passt. Für sich genommen ist jedes Wort so hinzunehmen, im Satz wird es unsicher und schillernd, im Kontext miteinander entsteht eine gespenstische Welt, in der trotz des fabelhaften Hintergrundes der Alltag beginnt: Der Bäcker steht auf. So gestaltete er auch sein Leben: Er gab an, ein »Churfürstlicher Sylbenstecher« zu sein, geboren 1621. Die Identitäten wechselte er wie Länder und Städte, Stockholm und Berlin, Malmö und Graz - überall war er Dichter und zu Hause. Berühmt wurde er 1958 mit dem Buch Med ana schwoazzn dintn (Mit einer schwarzen Tinte).
Ein Ehrengrab hatte er sich grundsätzlich verbeten, also wurde ihm von Wien ein ehrenhalber gewidmetes Grab zugeeignet. Man hielt seinen Wunsch ein, aber es wurde anders. Für Friederike Mayröcker war er »der juengste von uns allen geblieben, die wir damals in den fünfziger jahren begonnen hatten, die neue poesie fuer uns und die welt wiederzuentdecken«.
Ihn mit Peter Hille zu vergleichen, wie es ein Kritiker tat, dem naturalistisch-impressionistischen Wanderer zwischen allen Welten, ist purer Unsinn. Nur antibürgerlich lebten sie beide, aber was heißt das schon. Artmanns Vorstellung von der Vielseitigkeit von Poesie wird in einem Spruch deutlich:

was dem einen sein blatt fürs poem
ist dem anderen sein wisch für den po.


Damit war Kultur umrissen. Artmann sollte man lesen, so ist es dann oder eben anders.



Im Literaturpanorama Juli 2021 werde ich zur Diskussion um Christoph Heins neuen Roman Gutenberg nochmals Stellung nehmen, denn dazu haben mich mehrere kontroverse Meinungen erreicht, manche auch um Rat gebeten.






      Literaturbeiträge vom 15. Mai 2021



Im Folgenden wird es Bemerkungen geben zu Erich Mühsam, Christoph Hein, Wolfgang Borchert, Max Frisch, Willi Bredel und Sebastian Brant.

  Schriftsteller   Aktuelles und Neuerscheinungen
 
Erich Mühsam

06.04.1878 bis

10.07.1934


 

Zentrale Gedenkfeier für die in Deutschland während der Pandemie Verstorbenen

Am 18. April 2021 fand diese Gedenkfeier im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin statt. Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begann seine Rede mit den Worten:
»Wem kann ich klagen,
der mit mir fühlt?
Wem kann ich sagen,
was in mir wühlt?«
Die Verse stammen von Erich Mühsam und das Zitat ist eine Anerkennung für den einst von Deutschen ermordeten Dichter.
Auch er wurde zum Opfer, nicht weil eine Pandemie wütete, sondern weil er gegen Krieg war, weil er eine Freiheit vertrat, die über die soziale Befreiung hinaus jeden nach seinen Fähigkeiten schaffen sah und für diese Freiheit nach den Konturen suchte, die mehr sein sollten als Freizeit betreffende Privilegien. An Erich Mühsam bei der Gedenkfeier erinnert zu haben war eine würdige Beigabe. Mühsams Tagebücher (15 Bände), sorgfältig ediert und durch ein Register gut erschließbar, sind seit einiger Zeit für jeden im Internet kostenlos zugänglich.




 
Christoph Hein

geb. 08.04.1944



 

Am 10. Mai erschien Christoph Heins Roman Guldenberg. (Suhrkamp Verlag Berlin).

Christoph Heins neuer Roman hat die Wende gemeistert; er handelt um 2017. Will man über die Gegenwart, ihre Spannungen und Konflikte, die aller Orten empfundene Aggressivität und Brutalisierung, die Angriffe auf Politiker und den zunehmenden Hass im Alltag lesen sowie die Ursachen dafür erkennen - dann gehört dieser Roman zum Leseprogramm.
Schon der Titel weist auf Zusammengehöriges hin: Der Roman heißt Guldenberg; der Ort ist in vielen Werken Heins präsent und spielt vor allem in Horns Ende und Landnahme eine wesentliche Rolle, weil dort die dargestellten Einzelschicksale das Verhalten einer Gemeinschaft widerspiegeln. Nun trifft es eine Gruppe junger Migranten, die auch untereinander sich feindlich gesonnen sind. Mühelos lässt sich der neue Roman als Fortsetzung der früheren Romane lesen, zumal Personen aus diesen genannt werden - der Bürgermeister Kruschkatz aus Horns Ende - oder noch am Leben sind wie die 98-jährige Gertrude Fischlinger.
Guldenberg ist aber nicht nur Fortsetzung, sondern Wiederholung: Der Ort ist nach wie vor allem Fremden gegenüber feindlich eingestellt; so werden auch die wenigen unbegleiteten Jugendlichen, die im Alten Seglerheim untergebracht werden, mit den »Zigeunern« gleichgesetzt, die vor siebzig Jahren jährlich in den Ort kamen, bis sie nach Horns Selbstmord 1957 plötzlich wegblieben.
An den Widersprüchen in Guldenberg hat sich nichts geändert: Fremdes war und ist dort unerwünscht. Hein hat dazu eine gestalterische Variante der Vorgänger gefunden: Waren es dort Erinnerungen einzelner Menschen, aus denen das Bild des Geschehens erstand, während die Hauptpersonen nur in deren Erzählungen auftraten, so fungieren als Zentrum des Erzählens im neuen Roman Gruppen: eine Skatrunde, Polizisten, ein Pfarrer mit Haushälterin u.a.. Das sind die Varianten zum Kegelklub und zum Karnevalsverein, die in Landnahme der Hort der Demokratie waren.
Der Roman ist, wie stets bei Hein, ein Muster der stilistischen Vielfalt: Während das Eröffnungskapitel, das den sonst bei Hein oft vorhandenen Prolog ablöst, in die scheinbare Idylle Guldenbergs einführt und dabei ihre Bedrohung durch Fremdes, wie es einst durch die »Zigeuner« der Fall war, bildhaft und sprachlich anspruchsvoll (»von einer Großfamilie Zigeuner heimgesucht«) beschreibt, kommen die Gruppen, z. B. die Skatrunde, auf niedrigem stilistischen Niveau und mit einfachsten sprachlichen Mitteln daher: Dort geht es bevorzugt um Geld, Geschäfte (»Ich war mein Leben lang Geschäftsmann - ich kenne die Menschen. Denk von jedem das Schlechteste, und du fällst niemals auf die Schnauze.«) und um Konkurrenz.






  Schriftsteller   Jubiläen und Gedenktage
 
Wolfgang Borchert

21.05.1921 bis

20.11.1947


 

Am 21. Mai 2021 hätte Wolfgang Borchert seinen 100. Geburtstag: er starb mit 26 Jahren am 20. November 1947 in Basel.

Er wurde berühmt durch sein Hörspiel Draußen vor der Tür und durch Erzählungen wie Die Hundeblume und Die lange lange Straße lang. Ruhm wollte er nicht, er wollte sprechen von seinem Entsetzen über den Krieg und seiner Erschütterung über nationalsozialistische Verbrechen. So wie diese deutsche Vergangenheit im Sog neuer nationaler Gefühle verdrängt wird, droht auch Borchert in Vergessenheit zu geraten. Borchert brachte das Wissen um die Verbrechen ins dauerhafte Wort und suchte sogar, das bestimmt die Handlung in Draußen vor der Tür, die Schuldigen. Er liebte sein Deutschland, aber es war »diese gigantische Wüste«, die er liebte; es ging ihm »um sein Leid«, wie er in der Schrift Das ist unser Manifest schrieb.
Draußen vor der Tür entstand im Januar 1947, wurde im Februar 1947 als Hörspiel gesendet, im November 1947 als Bühnenstück aufgeführt, unter dem Titel Liebe 47 (1949) verfilmt. Es ist der Text über eine verlorene Generation, dafür bürgt Borcherts Geburtsjahr 1921. Als der Heimkehrer Beckmann, der mit seiner Gasmaskenbrille zur mythischen Figur für den missbrauchten deutschen Soldaten geworden ist, sich als »lustige Gestalt« anbietet, wird er abgelehnt:
»Den Leuten bleibt das Lachen in der Kehle stecken, mein Lieber. Bei Ihrem Anblick wird ihnen das nasskalte Grauen den Nacken hochkriechen.« Aus der Umkehrung der Komödie wird die bittere, die schwarze Groteske.

Es blieben Borcherts Schreie und Fragen. Er wurde durch sie zu einem bedeutenden Dichter. Gehört haben die Schreie zu wenige und Antworten auf seine Fragen sind bis heute unbeliebt, vielmehr beginnen wieder Menschen unter deutschen Stiefeln zu schreien.
Deutsche Gerichte gestatten den Stiefeln zu marschieren.
Borcherts Texte sollten ihnen als Pflichtlektüre verordnet werden.




 
Max Frisch

15.05.1911 bis

04.04.1991


 

Max Frisch würde am 15. Mai 2021 110 Jahre.

Unter den zahlreichen Dramen und Romanen des Schweizer Max Frisch spielt der Roman Homo faber (1957) eine besondere Rolle: Er ist nicht nur spannend und tragisch, sondern auch aktuell. Es geht um Kräfte, die der Mensch nicht mehr begreift und nicht mehr beherrscht. Der Roman Homo faber handelt 1957. Frischs Homo faber - der kunstfertige Mann, der Handwerker - heißt Walter Faber, ist gebürtiger Schweizer und Ingenieur bei der UNESCO. Er legt einen Tagebuchbericht in zwei Teilen vor. Der erste Teil betrifft ein Erlebnis, das in Fabers Leben und Denken, damit aber auch in sein technisch-mathematisch bestimmtes Weltbild entscheidend eingegriffen und es verändert hat. -

Der ungehemmten Entwicklung der Technik hat Faber voll vertraut und die als Sieg gesehen; in Wirklichkeit führt sie an den Rand des Untergangs. Dazu gehört aber auch die Begegnung mit dem Mythos. Um das zu verdeutlichen, lässt Frisch seine Hauptgestalt eines der bekanntesten mythischen Schicksale erleben: Der Ingenieur Faber, fünfzig, verliebt sich in die zwanzigjährige Sabeth, ohne zu wissen, dass sie seine Tochter ist. Ihm widerfährt ein Ödipus-Schicksal, wie Ödipus zu seiner Mutter tritt Faber in blutschänderische Beziehung zu seiner Tochter.

Faber ist trotz seiner technisch begründeten Sicherheit gefährdet. Doch ist am Ende aus dem technikgläubigen Menschen ein erschütterter, fast hilfloser Mensch in Todesangst geworden, der alle seine Arbeit als Techniker zurücknehmen möchte.



 
Willi Bredel

02.05.1901 bis

27.10.1964

 

Willi Bredels Geburtstag jährte sich am 2. Mai zum 120. Mal.

Es war wenig zu lesen zu diesem Gedenktag. In einem Artikel las ich die lapidare Aufstellung seiner Bücher. Es wurde eine imposante Reihe, aber die Zeit dafür muss erst wieder kommen. Das Wirkungsvolle ist heute sein novellistisches Schaffen, das manchmal, wie bei der Frühlingssonate, Teil der Trilogie Ein neues Kapitel ist. Als Beethovens Frühlingssonate von einer deutschen Familie kurz nach Kriegsende für einen sowjetischen Offizier aufgeführt wird, bricht die Situation auseinander, weil der Humanismus der Musik mit den Verbrechen der Deutschen zusammenprallt:
Sie haben die Familie des sowjetischen Offiziers Pritzker umgebracht. Die Rinbergers haben als Personen nichts mit den Verbrechen an Pritzgers Familie zu tun, aber sie sind als Deutsche moralisch mitverantwortlich und müssen, obwohl subjektiv unschuldig, objektiv Pritzkers ausbrechende Wut ertragen. Ähnlich bedeutsam ist Das schweigende Dorf, danach komponierte Wilhelm Neef eine Oper, die anlässlich des Tages der Befreiung am 6. Mai 1961, also vor 60 Jahren, in Plauen uraufgeführt wurde. Das schweigende Dorf wurde im Oktober 1948 abgeschlossen. Bredel betrachtete sie nach dem Erzählungskranz Das Gastmahl im Dattelgarten - in der Tradition des Dekameron -, den er für seine schönste Erzählung hielt, als gelungenste. Ein authentisches Ereignis wurde von Bredel aufgenommen:
In einem mecklenburgischen Dorf schwiegen die Einwohner über die auf einem Transport umgekommenen KZ-Häftlinge, die auf dem Territorium ihres Dorfes verscharrt wurden.




 
Sebastian Brant

1457 oder 1458 bis

10.05.1521

 

Am 10. Mai 2021 war Sebastian Brants 500. Todestag.

Er war ein Gelehrter, Jurist, Universitätslehrer in Basel; er war auch Schriftsteller und nicht nur für gelehrte Werke, nicht nur Herausgeber kanonischer Rechtsbücher. Nach 1500 war er Syndikus und einer der angesehensten Rechtsanwälte in Straßburg, wo er verstarb.

Er schrieb Spruchdichtungen und Ständesatiren. Überdauert hat sein Hauptwerk Das Narrenschiff (1494), das auch ein Kompendium des antiken, christlichen und mittelalterlichen Dichtens ist. Über 100 Narren kommen auf einem Schiff zusammen, um Nach Narragoniam - dem Lande der Narren - zu fahren. Sie kommen nie an, weil ja Narren das Schiff steuern.

Mit der Vorstellung der Narrheiten und menschlichen Schwächen wollte Brant zur Einsicht und Besserung aufrufen. Das Buch wurde zum größten Erfolg vor der Reformation; gebessert hat sich an den Menschen trotzdem nichts. Aber es ist aktuell geblieben bis heute und wird immer wieder als Beispiel für heutige Satire herangezogen, vor allem das Schiff als Gesellschaftsmodell blieb lebendig. Das Kapitel 46 gilt Wo Narren die Macht haben; darin heißt es:
»Das ehrt ein Land so nah wie fern,
wenn ein Gerechter wird zum Herrn,
aber sobald ein Narr regiert,
so werden viele mit ihm verführt.«





Das nächste Literaturpanorama erscheint voraussichtlich am 15. Juli 2021.

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