Literaturpanorama
(von Prof. Dr. sc. R. Bernhardt)



      Vorbemerkung



Unser Verein engagiert sich vorrangig für Regionalliteratur. Dennoch haben wir landesweites geistig-kulturelles Leben im Blick. Davon zeugt der vorliegende Menüpunkt »Literaturpanorama«.
Unter diesem Titel wird auf literaturbezogene überregionale Ereignisse, auf Gedenktage und Ehrungen, Buchlesungen und -präsentationen, auf wichtige Autoren der Gegenwart und Vergangenheit hingewiesen.

Für die Auswahl des Inhaltes und die Erarbeitung der Beiträge wurde der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. sc. Rüdiger Bernhardt gewonnen. Er informiert und kommentiert, antwortet auch auf Leserfragen und reagiert, sofern sachdienlich, auf Meinungsäußerungen.
Meinungen und Fragen sind zu richten an die E-Mail-Adresse www.info.literatur.de .





      Literaturpanorama Nr.5 vom 15. September 2021



Liebe Leserinnen, liebe Leser,
heute bekommen Sie die 5. Ausgabe des Literaturpanoramas. Die bisherigen Ausgaben haben einen Stamm von Lesern gefunden, der sich auch mit Meinungen zu Wort meldet. Es wäre schön, wenn noch mehr Interessenten schrieben, damit wir in ein Gespräch über Literatur und Kunst kommen könnten, denn - um es ehrlich zu sagen - was sich öffentlich auf diesem Gebiet abspielt ist bescheiden, sieht man von der Eröffnung des Deutschen Romantik-Museums am 14. September 2021 in Frankfurt a. M. einmal ab.
Ich hatte gehofft, dass in Wahlkampfzeiten die Literatur und Kunst, die neben ihrer ästhetischen Bedeutung auch Dokumentaristen der gesellschaftlichen Entwicklung sind, großes Interesse finden. Aber weit gefehlt! Am 9. September 2021 stellte der Deutschlandfunk fest, dass der Wahlkampf nun die Kultur erreicht habe.
Gemerkt habe ich davon nichts.
Auch das Triell war nicht ergiebig. Literatur und Kunst werden nicht ernst oder gar nicht zur Kenntnis genommen, dabei sind Literatur und Kunst nicht nur Seismographen der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung, sondern auch ihre historische Dokumentation, und sie werden noch lange nach uns für unsere Zeit und ihre Menschen zeugen.

Im Folgenden werden Bemerkungen und Notate mitgeteilt zu Lutz Seiler, Uwe Bernhard, Dante Alighieri, Albrecht Dürer, Tobias Smollet, Stanislaw Lem und Hermann Hettner.




Vorbemerkung:

Vor 75 Jahren, im Herbst 1946, begannen die Vorbereitungen des 1. Deutschen Schriftstellerkongresses.

Ausnahmsweise soll dieses sonst wahrscheinlich nicht wahrgenommene Jubiläum an die Spitze gestellt werden, denn sein Inhalt ist aktuell. - Im Oktober 1946, vor 75 Jahren, wurden Bestrebungen vereinigt, um mit einem Kongress der deutschen Schriftsteller nach Kriegsende und der allmählichen Übersicht über die unvorstellbaren Verbrechen der Deutschen unter der Führung der Nationalsozialisten einen Neuanfang zu bestimmen. Der 1. Deutsche Schriftstellerkongress fand schließlich im Oktober 1947 statt.
Einer der Anreger 1946 war der Schriftsteller Günther Weisenborn (1902-1969), der nach der faschistischen Herrschaft aus langjähriger Zuchthaushaft befreit wurde. Er hatte dem im Mai 1945 in Zürich gegründeten Schutzverband Deutscher Autoren (SDA) im Herbst 1946 ein solches Treffen vorgeschlagen. Der SDA hatte im April 1947 bereits 700 Mitglieder. Mit ihm zusammen arbeitete die Kommission Literatur im Kulturbund, die ebenfalls im Oktober 1946 darüber nachdachte, einen solchen Kongress einzuberufen. Der Kulturbund, bereits im Sommer 1945 gegründet, war mit zahlreichen Landesverbänden in Ost und West aktiv. Für ihn war ein solcher Kongress Teil einer Erneuerungsbewegung, deren wesentliche Inhalte das neue deutsche Geistesleben sein sollte. Es wurde zu einem wesentlichen Standbein der Nachkriegsentwicklung. Als es dann vom 4. - 6. Oktober 1947 zu dem Kongress kam, der auch der einzige gesamtdeutsche bleiben sollte, war es u.a. Anna Seghers, die auf dem Kongress den Inhalt dieses Geisteslebens bestimmte durch die "geistige Freiheit", deren Nähe sie zu Immanuel Kants nüchterner Bestimmung "Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit" einbezog; diese Freiheit hob sie ab von den "sehr vielen Freiheiten", die "möglich" seien. Ein anderes Thema von Beginn der Vorbereitungen an war die Sprache, gab es doch Stimmen, zeitweise auf die deutsche Sprache als Sprache der Dichtung zu verzichten, denn die "Sprache verlumpte und verlodderte" (Elisabeth Langgässer). Über beides gilt es nachzudenken in einer Zeit, in der Freiheit und Sprache, unter anderen Voraussetzungen wie damals, aber keineswegs weniger aktuell, eine inflationistische Behandlung erfahren, die mit den damaligen Ansprüchen, die bis heute unerfüllt geblieben sind, nichts zu tun haben. Man sollte noch einmal zurückschauen, um die Orientierung nach vorn nicht zu verlieren.

Vgl. Ursula Reinhold u. a. (Hg.) Erster Deutscher Schriftstellerkongress 4.-8. Oktober 1947. Berlin 1997



(I) Aktuelles und Neuerscheinungen


Unter den zahlreichen neuen Veröffentlichungen, die vor mir liegen, habe ich in Anbetracht der Fülle und getreu unserer Satzung samt dem Anliegen, das wir mit diesem Literaturpanorama haben, Neuerscheinungen ausgewählt, die von vogtländischen Autoren stammen.




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(II) Jubiläen und Gedenktage




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(III) Marginalien



In den bisherigen Ausgaben des Literaturpanoramas kam der Namensgeber unserer Gesellschaft Julius Mosen, dem es auch dienen soll, kaum vor. Heute wird deshalb zu diesem Thema an den zurückliegenden 200. Geburtstag des Literaturwissenschaftlers Hermann Hettner am 12. März 2021 erinnert, der als Erster die Bedeutung von Mosens dramaturgischer Weitsicht in Oldenburg erkannte.



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      Literaturpanorama Nr.4 vom 18. August 2021



Liebe Leserinnen, liebe Leser,
wir legen Ihnen die 4. Ausgabe des Literaturpanoramas vor und würden uns freuen, wenn sie Ihr Interesse fände. Noch mehr angetan wären wir, wenn wir von Ihnen eine Rückmeldung erhalten würden. Von den Bemerkungen zur 3. Ausgabe sind die eines bekannten und erfolgreichen Dresdner Verlegers hervorzuheben, der sich auch mehrerer Publikationen unserer Mitglieder angenommen hat, über die in den nächsten Monaten zu berichten sein wird. Er begrüßte die Publikation; er habe mehrere Beiträge mit großem Interesse gelesen (Heinz F. am 4. August 2021).
Heute sind wiederum auf Anregung von Thorald Meisel, Journalist der Freien Presse und Vorstandsmitglied unserer Vogtländischen Literaturgesellschaft Julius Mosen, zwei Beiträge in das Literaturpanorama Nr. 4 aufgenommen worden.
Für Anregungen und Meinungen, Fragen, Wünsche und Hinweise sind wir offen.

Im Folgenden werden Bemerkungen und Notate mitgeteilt zu Hans Pleschinski, Jörg M. Pönnighaus, Matthias Zwarg, Georg Maurer, Alexander Block; Stephan Ernst und Nicolaus Sprangers Brief von Mitgliedern (beide nach Thorald Meisel).






(I) Aktuelles und Neuerscheinungen



Die Diskussion über das Gendern in der deutschen Sprache, über die hier informiert wurde, ist in den letzten Wochen in Presse und Funk, u.a. im Deutschlandfunk am 30. Juli 2021, weitergeführt worden; die Argumentationen, oft mit Kritik und Ablehnung verbunden, sind zahlreich.
Ein umfangreicher Beitrag sticht in seiner witzig satirischen und sprachlich eindrucksvollen Weise so hervor, dass er hier erwähnt werden soll. Er wurde mehrfach genannt und zitiert, u.a. in der sonntäglichen Feuilleton-Presseschau im DLF.

Der Schriftsteller und humoristische Sprachkritiker Zé do Rock (geb. 1956) veröffentlichte den Aufsatz Von Innen, Unnen und Onnen. Wird die Welt gerechter, wenn man die Sprache umbaut? ... in der ZEIT vom 5. August 2021, S. 49, (Nr. 32).
Er geht von der Textlänge der deutschen Sprache aus und errechnet, dass Deutsch im Verhältnis zu sämtlichen europäischen Nationalsprachen ... unangefochten die Nummer eins bei der Länge sei. Er erklärt das mit mancherlei Besonderheiten, auch der Vorliebe für bürokratische Sprache. Genderisten und Genderistinnen sind nun dabei, diese Textlänge zu vergrößern oder durch Zeichen zu ersetzen. Als überzeugendes Beispiel gibt er an: Bauern - Bäuer*innen. Da es aber keinen Bäuer gebe, müsse es geschrieben werden "Ba*ä*uer*innen".
Auf ähnliche Weise analysiert er aktuelle Bemühungen und macht auf ironisch-heitere Weise auf dadurch entstehende Probleme aufmerksam: Warum bekommen Männer z.B. "ein Wort, Frauen gerade noch ein Suffix ..., während sich die Diversen mit einem mickrigen Sternchen beziehungsweise Rülpser begnügen müssen?"
Dann widmet er sich der "Wortfrömmigkeit", die die Welt beherrsche, "wobei die Ersatzwörter selten der Wirklichkeit entsprechen". So heiße nur einer der Eskimostämme Inuit, so bezeichnet zu werden gefalle "vielen Eskimos und Eskimösen überhaupt nicht". Ähnlich protestierten Sinti, die Sinti und Zigeuner seien, dagegen, "Sinti und Roma" genannt zu werden.

Zur Vereinfachung schlägt der Verfasser schließlich vor, die "Innen-Orgie" und damit das "innen" abzuschaffen. Dann gebe es die "ganze Suffixerei nicht mehr - wie im Englischen", zumal alles nicht automatisch zu einer Lösung der sozialen Probleme führe.

Das sind kleine Einblicke in einen durchweg amüsanten, unterhaltsamen und am Ende sehr aufschlussreichen Artikel, den man vollständig lesen sollte. - Auch in dem nachfolgend kurz vorgestellten Roman finden sich Anmerkungen zu "Schwachstellen" in der deutschen Sprache (S. 27).




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(II) Jubiläen und Gedenktage




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(III) Marginalien




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      Literaturpanorama Nr.3 vom 15. Juli 2021



Liebe Leserinnen, liebe Leser,
es erscheint die 3. Ausgabe des Literaturpanoramas. Wieder gab es einige Anmerkungen von Lesern zur 2. Ausgabe, die von Eindrücken berichteten und Fragen hatten. Mit dem heutigen Angebot sollen erneut Aufmerksamkeit für Neuerscheinungen, Jubiläen und für überraschende Marginalien geschaffen und Interessen geweckt werden.
Wir bemühen uns gemeinsam, vogtländische literarische Neuigkeiten einzubeziehen. Sie sind heute auf Anregung von Thorald Meisel, Journalist der Freien Presse und Vorstandsmitglied unserer Vogtländischen Literaturgesellschaft Julius Mosen, in das Literaturpanorama Nr. 3 aufgenommen worden.
Für Anregungen und Meinungen, Fragen und Hinweise sind wir immer offen.

Im Folgenden werden Bemerkungen und Notate mitgeteilt zu Hermann Kant, Marcel Proust, Dagmar Nick, Manfred Zill sowie ein vogtländischer Dialekt in einer Übersetzung aus dem Japanischen (beide nach Thorald Meisel), Jean de La Fontaine und, wie bereits angekündigt, nochmals zu Christoph Heins Guldenberg.

Die 2. Ausgabe des Literaturpanoramas war anlässlich des Interviews von Dr. Frieder Spitzner am 10. Juni in der Freien Presse "Gendern sagt nichts über Gleichstellung" auf das Gendern als Problem der Literatur eingegangen. Inzwischen gibt es neben einer vielfältig geführten Diskussion eine bemerkenswerte Entscheidung eines Magazins, wie es sich in Zukunft verhalten will: Das Ziel ist eine Sprache, "die mit der Zeit geht, die fair, lesbar und schön ist, ohne dogmatisch und moralisierend zu wirken" (DER SPIEGEL Nr. 27 vom 3. 7. 2021). Das bedeute, Genderzeichen als Ausnahme nur noch in bestimmten Kontakten zu verwenden, allerdings dort auf sie zu verzichten, "wo der SPIEGEL als Institution der Absender ist: also in allen Meldungen, Analysen, Nachrichtengeschichten und Reportagen und im Leitartikel". Die Entscheidung ist deutlich; sie gilt der Erhaltung der deutschen Sprache und orientiert sich an ihrer historischen Entwicklung. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf den Aufruf von Schriftstellern und Sprachwissenschaftlern vom 6. März 2019 Schluss mit dem Gender-Unfug!, dem sich inzwischen zahlreiche Schriftsteller, Wissenschaftler, Journalisten, Lehrer und andere angeschlossen haben.




(I) Aktuelles und Neuerscheinungen






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(II) Jubiläen und Gedenktage




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(III) Marginalien




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      Literaturbeiträge vom 15. Juni 2021



Liebe Leserinnen, liebe Leser,
es erscheint die 2. Ausgabe des Literaturpanoramas. Nach der 1. Ausgabe gab es einige wohlwollende Bemerkungen. So hielt Dr. Pönnighaus es für eine "wirkliche Bereicherung" und wollte es "weiterempfehlen", Dr. Uwe Bernhard lobte Frau Klemm, die für die Gestaltung zuständig ist, für die "wirklich toll gemachten Internetseiten" und riet, das Magazin "jedem zu empfehlen, der sich über ‚Altes' in der Literatur informieren und dabei Neues entdecken will".
Wollen wir hoffen, dass es weitere Freunde des Magazins geben wird. Für Anregungen und Meinungen sind wir immer offen. Begrüßt wurde der Hinweis auf Erich Mühsam und ein Leser nutzte die Anregung, um die allen Interessierten kostenlos zugänglichen Tagebücher des Dichters anzusehen. Was er fand, erstaunte ihn, nicht nur, was die Freiheits-Auffassung Mühsams betrifft, sondern er fand die Tagebücher insgesamt "höchst interessant". Das ist zu unterstreichen: Mühsams Beschreibungen von Zeitumständen und Zeitgenossen sind spannend und unterhaltend und kostenlos.

Im Folgenden wird es Bemerkungen geben zu Hermann Vogel, Max Schmerler, Friederike Mayröcker, Gerhart Hauptmann, H.C. Artmann und Volker Braun.




(I) Aktuelles und Neuerscheinungen



  Schriftsteller   Aktuelles und Neuerscheinungen
 
»Gendern sagt nichts über Gleichstellung«

Interview von Dr. Frieder Spitzner am 10. Juni in der Freien Presse


 

Der Vorsitzende unserer Vogtländischen Literaturgesellschaft, Dr. Frieder Spitzner, hat sich in der Freien Presse in einem aufschlussreichen Interview fundiert und mit Beispielen ablehnend zur Genderisierung geäußert.

Die sprachliche Gleichstellung verschärfe das Problem der "Defizite bei der Gleichberechtigung«. Als Literaturwissenschaftler kann ich dem zustimmen und es aus anderer Perspektive unterstreichen.
Sprachgesellschaften haben sich schon immer um besondere Entwicklungen bemüht, z.B. um die Beseitigung verbreiteter Fremd- oder Lehnwörter. So sollten Lehnwörter wie Fenster, lat. fenestra, durch Augenloch oder Tagesleuchte, Fieber durch Zitterweh, Urne durch Leichentopf usw. ersetzt werden. Gelungen ist das wie vieles andere nicht. Eine der bedeutendsten Gesellschaften dieser Art, die Fruchtbringende Gesellschaft in Köthen (1617- nach 1680), eine frühe Akademie, vereinigte rund 800 Mitglieder mit hohem und höchstem Einfluss und u.a. dem Ziel einer sprachlichen Reform. Vor 400 Jahren forderte diese Gesellschaft. »daß man die Hochdeutsche Sprache in jhren rechten wesen und stadt ohn einmischung frembder außländischer wort auffs möglichste und thunlichste erhalte und sich so wohl der besten außsprache im reden« befleißige. Die Anstrengungen waren groß, die aufgewendeten Mittel, finanzieller und geistiger Art, groß und der Erfolg - auf diesem Gebiet - gering. Sprache lässt sich weder kommandieren noch ins Grafische transportieren, ohne ihre Bedeutung und ihre Identität zu verlieren. Die Folgen wären katastrophal.




 
Hermann Vogel

- 100. Todestag 2021


HVogel

Hermann-Vogel-Haus
in Krebes

 

Aus aktuellem Anlass kann auf einen Künstler verwiesen werden, der uns regionalgeschichtlich nahe steht:
Hermann Vogel, ein vielseitiger vogtländischer Maler und Dichter (1854 Plauen - 1921 Krebes).


Er hatte am 22. Februar 2021 seinen 100.Todestag. Das Vogtlandmuseum Plauen, das ihm bereits 2011 eine Ausstellung gewidmet hatte, hat anlässlich dieses Jubiläums im laufenden Jahr manche Überraschung bereit, die wir zur Kenntnis nehmen wollen. Vogels künstlerisches Werk hängt eng mit Literatur zusammen. Er illustrierte unter anderem die Märchen Andersens und Musäus', das Nibelungenlied und Scheffels Ekkehard. Er war mit seiner Kunst wie mit manchem Text ein moderner Künstler: Massentourismus war ihm zu seiner Zeit in den Anfängen schon suspekt, der Verkehrsentwicklung stand er kritisch gegenüber und den von ihm geliebten Wald, durch den man seinen Sarg zu seiner Beerdigung wenigstens ein Stück trug, sah er durch Spekulanten gefährdet:

Den Märchenwald, den kauften sich
Die Bauholzspekulanten,
Und schlugen den Tempel Meister Schwinds*
Mit Ach und Krach zu Schanden!
Zertreten die Farren, die Moose verbrannt;
Verschwunden die Wasserweiber;
Ihr Harzblut verströmen im Sonnenbrand
Die gefällten Tannenleiber!


(*Schwind = der Maler Moritz von Schwind, Vogels Vorbild)




 
Max Schmerler

150 Geburtstag 2023

 

In dem Zusammenhang wird auf Max Schmerler (1873-1960) hingewiesen, der 2023 ein Jubiläum haben wird.

Zu seinem 150.Geburtstag hat sich unser Vorstandsmitglied Thorald Meisel ausführlich mit Leben und Schaffen des vogtländischen Heimatdichters beschäftigt; eine von ihm verfasste Biografie ist im Druck, sie zu verbreiten wird eine Aufgabe unserer Gesellschaft sein.
Der Mundartdichter Max Schmerler war ein bescheidener Vogtländer. »Der von ihm geprägte Begriff Musikwinkel lebt noch heute und ist zu einem Markenzeichen für die Region um die Städte Klingenthal, Markneukirchen und Schöneck geworden, in deren Zentrum das langgezogene Dorf Zwota liegt«, wie Meisel in seiner Biografie vermerkt.




 
Volker Braun:

Große Fuge

 

Zahlreiche neue Bücher müssten hier genannt werden, eines wird ausgewählt. Jede Neuerscheinung von Volker Braun ist eine Sensation.

Nun ist der Gedichtband Große Fuge erschienen. -
Mit dem Namen des Dichters fällt mir stets sein berühmtes Gedicht an Das Eigentum mit der Eröffnung:
»Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.«
In dem neuen Band beschreibt er die Folgen der Pandemie, bleibt dabei ähnlich scharfzüngig. Manchem Verantwortlichen scheint die erzwungene Ruhe nicht weh zu tun,

All dem (Unfug) Einhalt gebieten ein Jahr ohne Kunst
So kommt Ruhe ins Verfahren, ihr Dilettanten.


Mit Große Fuge wird ein Feld der Deutungen geöffnet, von der Grundbedeutung in der Musik, ein Thema wird kontrapunktisch durch Stimmen und Instrumente variiert, über das Trennend-Verbindende bei Stufen und Ziegeln bis zu speziellen poetischen Bedeutungen von Johannes R. Becher bis zu den grafischen Niederschriften von Carlfriedrich Claus, auf die Braun in den Anmerkungen hinweist. Das variierte Thema in den Texten sind Folgen der Corona-Quarantäne, vor allem Verlust von Kultur, aber auch fehlende Menschen und verloren gehende Menschlichkeit. In der Leere sieht Brauns lyrisches Ich auch neue Gefahren, z. B. den Maschinenmenschen (Kyborg)

in seinem
Ironischen Kleid aus Seide und Blech.
Der Tanz
Auf dem Gendergraben
,

auf dem Weg dorthin kann man das Geschlecht mit einem Sprechakt ändern / Aber die Welt nicht ...
Braun geht auf das Gendern mit Sarkasmus ein, wie überhaupt viel Ironie und Sarkasmus den Dichter befähigen zu überleben und zu dichten. Nach unserer Zeit, Titel eines Textes, herrscht Totenstille. Mit Hoffnungen ist Braun stets vorsichtig umgegangen, nun scheinen sie kaum noch vorhanden zu sein. Erinnerungen sind an ihre Stelle getreten. Dazu gehört aber auch ein angespanntes Verhältnis des Dichters, dessen Wachträume Ausdruck von Ängsten sind. Zurücknahmen finden sich bis in das Zitat hinein, so wenn das weltberühmte Zitat des Bundesliedes des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, gedichtet von Georg Herwegh, mit den Versen erscheint:

Alle Räder stehen still
Wenn der starke Wind nicht will
.

Brauns lyrisches Subjekt setzt sich mit Ahnherren und Zeitgenossen auseinander, nennt sie, zitiert sie, von Kleist über Hölderlin und Rilke bis zu Rudolf Bahro.








(II) Jubiläen und Gedenktage



  Schriftsteller   Jubiläen und Gedenktage
 
Friederike Mayröcker starb am 4. Juni 2021

 

Die berühmte österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker ist am 4. Juni 2021 in Wien gestorben (geboren 20. Dezember 1924).

Sie studierte Anglistik und war bis 1968 Lehrerin. Danach lebte sie als freischaffende Autorin in Wien. Viele ihrer Arbeiten ließen die Lebensgemeinschaft mit Ernst Jandl (1925-2000), ebenfalls ein Lehrer und bedeutender Dichter, erkennen. Beider Dichtung war von Unterschieden geprägt, Jandls Lyrik war klar, experimentell und teils spröde, Mayröckers Dichtung war verweisend und assoziativ, hymnisch und von hohem Ton. Beide trennten sich von ihren Partnern, zogen zusammen, mussten aber erkennen, dass sie einer besonderen Art des Zusammenlebens bedurften, des getrennten Zusammenlebens, gegenseitig erreichbar, aber nicht ständig zusammen. Das wurde zum Quell der Inspiration für beide.
Ernst Jandl schrieb einen Essay Versuch, zu einem Gedicht von Friederike Mayröcker etwas zu sagen, der für eine Schulfunksendung gedacht war und eine vorzügliche Auswahl aus ihren Werken begleitete, die 1985 in Verlag Volk und Welt (Berlin) erschien. In dem Essay sagte er u.a. über Mayröckers Gedicht Winter-Nachtigall: »Winter ist die Zeit, und die Region, des Frostes. Die Nachtigall ist ein Zugvogel, der für diese Zeit diese Region verlässt. Der Winter ist das Alter des Lebens. Die Nachtigall ist Sommer und süßer Gesang. Die Nachtigall ist ein romantischer Vogel. Die Winternachtigall singt nur: für dieses Gedicht.«
Sie ist mit Gedichten bekannt und berühmt geworden, auch wenn sie andere Genres (Prosa, Hörspiel, szenische Texte) bediente. Es war eine Dichtung überschaubarer Wirklichkeit, viel Wien, die Jahreszeiten. Bedrohung durch Kälte und Verlusten; es waren die Bilder für einen zerstörten Planeten, dessen zunehmende Bösartigkeit und Brutalität sie schon seit den siebziger Jahren ohnmächtig erlebte. Das lyrische Subjekt flüchtet sich in seine Kunstwelt, wo es Bindungen sucht und bewahrt. Überall klang dort Lyrisches an, das sich verschiedenartig zusammensetzen ließ. Einfach war ihre Dichtung nicht, nicht zu lesen und nicht zu verstehen:

Durch viele Masken
schauen wir
die schöne Welt:
es pendelt
still der Mond
es kreist die Sonne wieder
o Sirius o Mandelbaum und Stern:
noch leben alle die wir lieben


Diese Dichtung will Liebe und Schönheit retten; selbst den Tod möchte sie überwinden: Solange wir an die Menschen denken und sie lieben, die wir nicht vermissen möchten, solange leben sie durch die Dichtung, in die sie die Dichterin einbringt. Das Auge der Dichterin - eine zentrale Metapher bei ihr - bekommt mindestens zwei Funktionen: Es sieht das Außen und projiziert nach Innen; ordnend eingreifend wirkt die Dichterin. Ihre Dichtung erschließt sich nicht bei schneller Lektüre, sie bedarf aufmerksamer Zuwendung, verbunden mit aufwändigem Einsatz des Geistes. Aber der Leser wird belohnt: Die Dichtungen Friederike Mayröckers spannen ihren Bogen zwischen Paradies und Endzeit und werden damit höchsten Ansprüchen gerecht.



 
Gerhart Hauptmann starb am 6. Juni vor 75 Jahren

 

Ein anderer Verlust jährte sich in diesen Tagen weitgehend unbemerkt zum fünfundsiebzigsten Mal:

Am 6. Juni 1946 starb der Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann in seinem burgartigen Haus Wiesenstein in Agnetendorf, das durch das Kriegsende 1945 polnisch geworden war. Hauptmanns Umsiedlung in die sowjetische Besatzungszone war geplant; im Herbst 1945 hatte er in einem Gespräch mit dem sowjetischen Kulturoffizier Grigorij Weiss und Johannes R. Becher über den neu gegründeten Kulturbund verhandelt. Das Ergebnis des Besuchs konnten die Leser der Täglichen Rundschau im Oktober 1945 lesen: Hauptmann hatte sich zur Mitarbeit bereit erklärt und verkündet: »"Es gibt keinen Augenblick, in dem ich nicht Deutschlands gedenke... Ich kenne keinen anderen Gedanken, und alles ist nur der.« Er bekannte sich zu Deutschland in seinen verschiedenen Möglichkeiten: soziales Mitleid empfindend, aber auch deutschem Großmachtstreben opportunistisch huldigend. Gegensätze - durch seine Zwiespältigkeit wurde er für die sowjetischen Offiziere und die deutschen Antifaschisten zu einem Deutschen, der sich für viele Mitläufer im Dritten Reich zur Identifikation anbot. -
Er wurde, wie er es gewünscht hatte, in einer Mönchskutte begraben; das Neue Testament, das ihn als Geschenk einer herrnhutisch orientierten Tante seit seiner Jugend begleitet hatte, hält er in den Händen, sein Kopf ruht auf dem Großen Traum, seiner fragmentarischen Dichtung. Da Schlesien als Begräbnisstätte unmöglich geworden war, blieb Hiddensee. Auch die erwünschten Grabbeilagen entsprachen seinem Grundsatz: Das Neue Testament und der Große Traum deuteten an, dass sich der Dichter auf beides eingestellt hatte, auf Himmel und Hölle, auf endgültigen Tod und unendliches Weiterleben, auf »Nu, ja, ja - nu, nee, nee«.
»Nu, ja, ja - nu, nee, nee« war die Maxime von Hauptmanns Leben, ausgesprochen vom Weber Ansorge im berühmtesten Werk Die Weber. Es war und ist eines seiner modernsten: Er beschrieb eine technologische Veränderung, die ein frühes Beispiel des internationalen Wirtschaftskampfes darstellt: Nicht nur die Heimweber verloren durch die Mechanisierung der Weberei in England Besitz und Arbeit, sondern auch die Verleger der Textilprodukte. Beide waren der internationalen Konkurrenz nicht mehr gewachsen, ein aktuell erscheinender Vorgang und ein literarisches Beispiel für frühe Globalisierung. Als dieser Vorgang zuerst nur Ökonomen ins Blickfeld geriet, schuf ein Dichter bereits das bleibende Dokument.
Gerhart Hauptmann gestaltete mehrfach fast prophetisch Kommendes, ob im Falle der Weber die Internationalisierung der sozialen Konflikte oder im Roman Atlantis (1912) den Untergang eines Ozeandampfers, der kurz darauf durch den Untergang der Titanic real wurde. Im Falle seines fragmentarischen Romans Der neue Christophorus beschrieb er die Bedrohung der Menschheit durch die Atombombe. Die ersten Bomben fielen zwei Monate nach Hauptmanns Tod. So wurde Hauptmanns umfangreiches Werk ein unveräußerlicher Bestandteil des Gedächtnisses der deutschen Kultur und der Menschheit.
Der letzte Text, den Gerhart Hauptmann am 15. Februar 1946 diktiert hatte, wurde nicht in die Gesamtausgabe (Centenarausgabe) aufgenommen, weil er zu fragmentarisch wirke. Dabei enthielt er nichts anderes als die Beschreibung von Gegensätzlichem, das keine Entscheidung gesucht, sondern alle Möglichkeiten beansprucht hatte:

Das Große dasselbe,
das Grüne das Gelbe,
das Junge das Alte,
das Heiße das Kalte:
man nennt das / Erleben,
nennt's Schenken und Geben.
Wer gibt? Wer schenkt?
Wer folgt? Wer lenkt?
Fragt nicht:
schweigt ...
".

Dass Hauptmanns Modernität und seine Zwiespältigkeit anlässlich des Jahrestages so unbemerkt blieb, ist ein trauriges Zeichen von kulturellem Desinteresse.



 
H.C. Artmann
hätte am 12. Juni 2021
den 100. Geburtstag
gehabt.

 

Am 12. Juni 2021 wäre der österreichische Dichter H (ans).C(arl). Artmann 100 Jahre geworden, ein auffälliger Name der Moderne, der ein Einzelgänger war. Nichts in seiner Biografie ist richtig sicher und auch in seiner Dichtung ist alles in Fluss. In seiner Sammlung Der handkolorierte Menschenfresser heißt es: »Da heult draußen der wolf durch tau und dämmerung, so schrill, daß sich der morgenstern vor schreck die hosen voll macht und dem herrn C. das herz in die seinen fällt. Im stüblein wird der bäcker munter ...« (Nr. 23)
Das ist Artmanns Art: Alles ist richtig, aber nichts passt. Für sich genommen ist jedes Wort so hinzunehmen, im Satz wird es unsicher und schillernd, im Kontext miteinander entsteht eine gespenstische Welt, in der trotz des fabelhaften Hintergrundes der Alltag beginnt: Der Bäcker steht auf. So gestaltete er auch sein Leben: Er gab an, ein »Churfürstlicher Sylbenstecher« zu sein, geboren 1621. Die Identitäten wechselte er wie Länder und Städte, Stockholm und Berlin, Malmö und Graz - überall war er Dichter und zu Hause. Berühmt wurde er 1958 mit dem Buch Med ana schwoazzn dintn (Mit einer schwarzen Tinte).
Ein Ehrengrab hatte er sich grundsätzlich verbeten, also wurde ihm von Wien ein ehrenhalber gewidmetes Grab zugeeignet. Man hielt seinen Wunsch ein, aber es wurde anders. Für Friederike Mayröcker war er »der juengste von uns allen geblieben, die wir damals in den fünfziger jahren begonnen hatten, die neue poesie fuer uns und die welt wiederzuentdecken«.
Ihn mit Peter Hille zu vergleichen, wie es ein Kritiker tat, dem naturalistisch-impressionistischen Wanderer zwischen allen Welten, ist purer Unsinn. Nur antibürgerlich lebten sie beide, aber was heißt das schon. Artmanns Vorstellung von der Vielseitigkeit von Poesie wird in einem Spruch deutlich:

was dem einen sein blatt fürs poem
ist dem anderen sein wisch für den po.


Damit war Kultur umrissen. Artmann sollte man lesen, so ist es dann oder eben anders.



Im Literaturpanorama Juli 2021 werde ich zur Diskussion um Christoph Heins neuen Roman Gutenberg nochmals Stellung nehmen, denn dazu haben mich mehrere kontroverse Meinungen erreicht, manche auch um Rat gebeten.








      Literaturbeiträge vom 15. Mai 2021



Im Folgenden wird es Bemerkungen geben zu Erich Mühsam, Christoph Hein, Wolfgang Borchert, Max Frisch, Willi Bredel und Sebastian Brant.

  Schriftsteller   Aktuelles und Neuerscheinungen
 
Erich Mühsam

06.04.1878 bis

10.07.1934


 

Zentrale Gedenkfeier für die in Deutschland während der Pandemie Verstorbenen

Am 18. April 2021 fand diese Gedenkfeier im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin statt. Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begann seine Rede mit den Worten:
»Wem kann ich klagen,
der mit mir fühlt?
Wem kann ich sagen,
was in mir wühlt?«
Die Verse stammen von Erich Mühsam und das Zitat ist eine Anerkennung für den einst von Deutschen ermordeten Dichter.
Auch er wurde zum Opfer, nicht weil eine Pandemie wütete, sondern weil er gegen Krieg war, weil er eine Freiheit vertrat, die über die soziale Befreiung hinaus jeden nach seinen Fähigkeiten schaffen sah und für diese Freiheit nach den Konturen suchte, die mehr sein sollten als Freizeit betreffende Privilegien. An Erich Mühsam bei der Gedenkfeier erinnert zu haben war eine würdige Beigabe. Mühsams Tagebücher (15 Bände), sorgfältig ediert und durch ein Register gut erschließbar, sind seit einiger Zeit für jeden im Internet kostenlos zugänglich.




 
Christoph Hein

geb. 08.04.1944



 

Am 10. Mai erschien Christoph Heins Roman Guldenberg. (Suhrkamp Verlag Berlin).

Christoph Heins neuer Roman hat die Wende gemeistert; er handelt um 2017. Will man über die Gegenwart, ihre Spannungen und Konflikte, die aller Orten empfundene Aggressivität und Brutalisierung, die Angriffe auf Politiker und den zunehmenden Hass im Alltag lesen sowie die Ursachen dafür erkennen - dann gehört dieser Roman zum Leseprogramm.
Schon der Titel weist auf Zusammengehöriges hin: Der Roman heißt Guldenberg; der Ort ist in vielen Werken Heins präsent und spielt vor allem in Horns Ende und Landnahme eine wesentliche Rolle, weil dort die dargestellten Einzelschicksale das Verhalten einer Gemeinschaft widerspiegeln. Nun trifft es eine Gruppe junger Migranten, die auch untereinander sich feindlich gesonnen sind. Mühelos lässt sich der neue Roman als Fortsetzung der früheren Romane lesen, zumal Personen aus diesen genannt werden - der Bürgermeister Kruschkatz aus Horns Ende - oder noch am Leben sind wie die 98-jährige Gertrude Fischlinger.
Guldenberg ist aber nicht nur Fortsetzung, sondern Wiederholung: Der Ort ist nach wie vor allem Fremden gegenüber feindlich eingestellt; so werden auch die wenigen unbegleiteten Jugendlichen, die im Alten Seglerheim untergebracht werden, mit den »Zigeunern« gleichgesetzt, die vor siebzig Jahren jährlich in den Ort kamen, bis sie nach Horns Selbstmord 1957 plötzlich wegblieben.
An den Widersprüchen in Guldenberg hat sich nichts geändert: Fremdes war und ist dort unerwünscht. Hein hat dazu eine gestalterische Variante der Vorgänger gefunden: Waren es dort Erinnerungen einzelner Menschen, aus denen das Bild des Geschehens erstand, während die Hauptpersonen nur in deren Erzählungen auftraten, so fungieren als Zentrum des Erzählens im neuen Roman Gruppen: eine Skatrunde, Polizisten, ein Pfarrer mit Haushälterin u.a.. Das sind die Varianten zum Kegelklub und zum Karnevalsverein, die in Landnahme der Hort der Demokratie waren.
Der Roman ist, wie stets bei Hein, ein Muster der stilistischen Vielfalt: Während das Eröffnungskapitel, das den sonst bei Hein oft vorhandenen Prolog ablöst, in die scheinbare Idylle Guldenbergs einführt und dabei ihre Bedrohung durch Fremdes, wie es einst durch die »Zigeuner« der Fall war, bildhaft und sprachlich anspruchsvoll (»von einer Großfamilie Zigeuner heimgesucht«) beschreibt, kommen die Gruppen, z. B. die Skatrunde, auf niedrigem stilistischen Niveau und mit einfachsten sprachlichen Mitteln daher: Dort geht es bevorzugt um Geld, Geschäfte (»Ich war mein Leben lang Geschäftsmann - ich kenne die Menschen. Denk von jedem das Schlechteste, und du fällst niemals auf die Schnauze.«) und um Konkurrenz.






  Schriftsteller   Jubiläen und Gedenktage
 
Wolfgang Borchert

21.05.1921 bis

20.11.1947


 

Am 21. Mai 2021 hätte Wolfgang Borchert seinen 100. Geburtstag: er starb mit 26 Jahren am 20. November 1947 in Basel.

Er wurde berühmt durch sein Hörspiel Draußen vor der Tür und durch Erzählungen wie Die Hundeblume und Die lange lange Straße lang. Ruhm wollte er nicht, er wollte sprechen von seinem Entsetzen über den Krieg und seiner Erschütterung über nationalsozialistische Verbrechen. So wie diese deutsche Vergangenheit im Sog neuer nationaler Gefühle verdrängt wird, droht auch Borchert in Vergessenheit zu geraten. Borchert brachte das Wissen um die Verbrechen ins dauerhafte Wort und suchte sogar, das bestimmt die Handlung in Draußen vor der Tür, die Schuldigen. Er liebte sein Deutschland, aber es war »diese gigantische Wüste«, die er liebte; es ging ihm »um sein Leid«, wie er in der Schrift Das ist unser Manifest schrieb.
Draußen vor der Tür entstand im Januar 1947, wurde im Februar 1947 als Hörspiel gesendet, im November 1947 als Bühnenstück aufgeführt, unter dem Titel Liebe 47 (1949) verfilmt. Es ist der Text über eine verlorene Generation, dafür bürgt Borcherts Geburtsjahr 1921. Als der Heimkehrer Beckmann, der mit seiner Gasmaskenbrille zur mythischen Figur für den missbrauchten deutschen Soldaten geworden ist, sich als »lustige Gestalt« anbietet, wird er abgelehnt:
»Den Leuten bleibt das Lachen in der Kehle stecken, mein Lieber. Bei Ihrem Anblick wird ihnen das nasskalte Grauen den Nacken hochkriechen.« Aus der Umkehrung der Komödie wird die bittere, die schwarze Groteske.

Es blieben Borcherts Schreie und Fragen. Er wurde durch sie zu einem bedeutenden Dichter. Gehört haben die Schreie zu wenige und Antworten auf seine Fragen sind bis heute unbeliebt, vielmehr beginnen wieder Menschen unter deutschen Stiefeln zu schreien.
Deutsche Gerichte gestatten den Stiefeln zu marschieren.
Borcherts Texte sollten ihnen als Pflichtlektüre verordnet werden.




 
Max Frisch

15.05.1911 bis

04.04.1991


 

Max Frisch würde am 15. Mai 2021 110 Jahre.

Unter den zahlreichen Dramen und Romanen des Schweizer Max Frisch spielt der Roman Homo faber (1957) eine besondere Rolle: Er ist nicht nur spannend und tragisch, sondern auch aktuell. Es geht um Kräfte, die der Mensch nicht mehr begreift und nicht mehr beherrscht. Der Roman Homo faber handelt 1957. Frischs Homo faber - der kunstfertige Mann, der Handwerker - heißt Walter Faber, ist gebürtiger Schweizer und Ingenieur bei der UNESCO. Er legt einen Tagebuchbericht in zwei Teilen vor. Der erste Teil betrifft ein Erlebnis, das in Fabers Leben und Denken, damit aber auch in sein technisch-mathematisch bestimmtes Weltbild entscheidend eingegriffen und es verändert hat. -

Der ungehemmten Entwicklung der Technik hat Faber voll vertraut und die als Sieg gesehen; in Wirklichkeit führt sie an den Rand des Untergangs. Dazu gehört aber auch die Begegnung mit dem Mythos. Um das zu verdeutlichen, lässt Frisch seine Hauptgestalt eines der bekanntesten mythischen Schicksale erleben: Der Ingenieur Faber, fünfzig, verliebt sich in die zwanzigjährige Sabeth, ohne zu wissen, dass sie seine Tochter ist. Ihm widerfährt ein Ödipus-Schicksal, wie Ödipus zu seiner Mutter tritt Faber in blutschänderische Beziehung zu seiner Tochter.

Faber ist trotz seiner technisch begründeten Sicherheit gefährdet. Doch ist am Ende aus dem technikgläubigen Menschen ein erschütterter, fast hilfloser Mensch in Todesangst geworden, der alle seine Arbeit als Techniker zurücknehmen möchte.



 
Willi Bredel

02.05.1901 bis

27.10.1964

 

Willi Bredels Geburtstag jährte sich am 2. Mai zum 120. Mal.

Es war wenig zu lesen zu diesem Gedenktag. In einem Artikel las ich die lapidare Aufstellung seiner Bücher. Es wurde eine imposante Reihe, aber die Zeit dafür muss erst wieder kommen. Das Wirkungsvolle ist heute sein novellistisches Schaffen, das manchmal, wie bei der Frühlingssonate, Teil der Trilogie Ein neues Kapitel ist. Als Beethovens Frühlingssonate von einer deutschen Familie kurz nach Kriegsende für einen sowjetischen Offizier aufgeführt wird, bricht die Situation auseinander, weil der Humanismus der Musik mit den Verbrechen der Deutschen zusammenprallt:
Sie haben die Familie des sowjetischen Offiziers Pritzker umgebracht. Die Rinbergers haben als Personen nichts mit den Verbrechen an Pritzgers Familie zu tun, aber sie sind als Deutsche moralisch mitverantwortlich und müssen, obwohl subjektiv unschuldig, objektiv Pritzkers ausbrechende Wut ertragen. Ähnlich bedeutsam ist Das schweigende Dorf, danach komponierte Wilhelm Neef eine Oper, die anlässlich des Tages der Befreiung am 6. Mai 1961, also vor 60 Jahren, in Plauen uraufgeführt wurde. Das schweigende Dorf wurde im Oktober 1948 abgeschlossen. Bredel betrachtete sie nach dem Erzählungskranz Das Gastmahl im Dattelgarten - in der Tradition des Dekameron -, den er für seine schönste Erzählung hielt, als gelungenste. Ein authentisches Ereignis wurde von Bredel aufgenommen:
In einem mecklenburgischen Dorf schwiegen die Einwohner über die auf einem Transport umgekommenen KZ-Häftlinge, die auf dem Territorium ihres Dorfes verscharrt wurden.




 
Sebastian Brant

1457 oder 1458 bis

10.05.1521

 

Am 10. Mai 2021 war Sebastian Brants 500. Todestag.

Er war ein Gelehrter, Jurist, Universitätslehrer in Basel; er war auch Schriftsteller und nicht nur für gelehrte Werke, nicht nur Herausgeber kanonischer Rechtsbücher. Nach 1500 war er Syndikus und einer der angesehensten Rechtsanwälte in Straßburg, wo er verstarb.

Er schrieb Spruchdichtungen und Ständesatiren. Überdauert hat sein Hauptwerk Das Narrenschiff (1494), das auch ein Kompendium des antiken, christlichen und mittelalterlichen Dichtens ist. Über 100 Narren kommen auf einem Schiff zusammen, um Nach Narragoniam - dem Lande der Narren - zu fahren. Sie kommen nie an, weil ja Narren das Schiff steuern.

Mit der Vorstellung der Narrheiten und menschlichen Schwächen wollte Brant zur Einsicht und Besserung aufrufen. Das Buch wurde zum größten Erfolg vor der Reformation; gebessert hat sich an den Menschen trotzdem nichts. Aber es ist aktuell geblieben bis heute und wird immer wieder als Beispiel für heutige Satire herangezogen, vor allem das Schiff als Gesellschaftsmodell blieb lebendig. Das Kapitel 46 gilt Wo Narren die Macht haben; darin heißt es:
»Das ehrt ein Land so nah wie fern,
wenn ein Gerechter wird zum Herrn,
aber sobald ein Narr regiert,
so werden viele mit ihm verführt.«





Das nächste Literaturpanorama erscheint voraussichtlich am 15. Juli 2021.

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